"Der Test zeigt einen Trend auf, keine genauen Mengen"

Foto: Frau mit langen Haaren

Je länger das Haar, desto weiter
der Blick in die Vergangenheit
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MEDICA.de sprach mit Dr. Kristin Gellein von der Abteilung Medizin der Norwegian University of Science and Technology über einen von ihr entwickelten Test, seine Vorteile und seine Grenzen.

MEDICA.de: Frau Gellein, wenn ich Ihnen einen Strang meines Haares geben würde, was könnten Sie daraus erkennen?

Kristin Gellein: Da Haar ungefähr einen Zentimeter pro Monat wächst und Ihr Haar circa zwölf Zentimeter lang ist, kann ich Spurenelemente in Ihrem Haar ungefähr ein Jahr zurückverfolgen. Ich analysiere Zentimeter für Zentimeter und bekomme so einen Entwicklungsverlauf der Spurenelemente, mit dem ich Aussagen über die Ernährung oder auch über die Belastung durch Schadstoffe von außen treffen kann. Ich könnte Ihnen daher beispielsweise sagen, dass Sie im Januar und Februar einen niedrigeren Eisenlevel hatten als in den Monaten davor und danach.

MEDICA.de: Sie sind ja nicht die erste, die Haar als Indikator für Substanzen, die im Blut vorhanden sind, nutzt. Verglichen mit anderen Haartests, was kann Ihrer besser?

Gellein: Die meisten anderen Tests analysieren das Haar als Ganzes in einem Stück, nicht Zentimeter für Zentimeter. Wenn Sie dies tun, bekommen Sie aber nur einen Durchschnittswert der Spurenelemente im Haar, eine absolute Zahl, die Sie nicht in Beziehung mit anderen Zahlen setzen können. Mit meiner Methode können Sie einer Person aber sagen: Das Niveau von Eisen, zum Beispiel, ist im März viel höher als in den anderen Monaten davor und danach. Das bedeutet dann, dass der persönliche Durchschnitt der Person im März höher war als üblich.

MEDICA.de: Wo liegen die Grenzen des Tests?

Gellein: Ich kann nicht sagen, wie viel Gramm eines Elementes Sie genau eingenommen haben, da ich nur Unterschiede von Monat zu Monat beobachten kann. Wenn Sie hohe Blutwerte von, beispielsweise, Quecksilber haben, haben Sie auch erhöhte Werte dieses Elementes im Haar. Indem ich die Schwankungen im Lauf der Zeit verfolge, kann ich sehen, ob jemand einen starken Anstieg oder Abfall eines bestimmten Wertes aufweist und wann diese Veränderung auftrat. Mein Test zeigt also einen Trend auf, er kann nicht genaue Mengen angeben.

MEDICA.de: Aber ist es in der Gerichtsmedizin nicht bereits möglich, mit Hilfe einer Haaranalyse herauszufinden, ob jemand in der Vergangenheit vergiftet wurde oder Drogen genommen hat?

Gellein: Ja, ist es. Diese Tests werden genutzt, um einzelne körperfremde Substanzen nachzuweisen wie eben Drogen oder Gift. Aber mit meiner Methode können wir auch toxische Substanzen und Substanzen aus der täglichen Ernährung messen, und zwar gleichzeitig und in sehr niedriger Konzentration. Wir haben es geschafft, nachzuweisen, dass unsere Ergebniswerte sich tatsächlich auf Schadstoffbelastung und Ernährung beziehen, und nicht etwa auf Einflüsse von außen, wie das Shampoo, das benutzt wird oder eine falsche Methode, das Haar im Vorfeld des Testes zu waschen.

MEDICA.de: Wie haben Sie das geschafft?

Gellein: Ich habe ein neueres Instrument benutzt, den HR-ICP-MS*. Ältere Instrumente konnten sehr niedrige Konzentrationen nicht messen oder nicht mehr als ein Spurenelement. Es wäre sehr aufwendig, einen Test für alle zwölf Elemente**, darunter Silber, Blei oder Cadmium, einzeln zu machen. Ich konnte meine Idee nur mit diesem neueren Instrument realisieren, das einige Jahre zuvor gebaut worden war, um Spurenelemente in allen möglichen Materialien zu analysieren.

MEDICA.de: Haar wird auch von außen verunreinigt. Wie können zum Beispiel Färbemittel oder Luftverschmutzung die Ergebnisse beeinflussen?

Gellein: Das ist das große Problem bei Haaranalysen. Es gibt keine Standardprozeduren. Für unsere Studie haben wir das Shampoo untersucht, dass die Haarspender benutzen, so dass wir wussten, für welche Spurenelemente wir höhere Werte erzielen würden als im Blut enthalten sind. Außerdem haben wir das Haar vor dem Test mit Spülmittel gereinigt.

Wir haben unsere Waschmethode dann mithilfe von Haar von einem verheirateten Paar aus Indien überprüft. Das Paar lebt gemeinsam in einer städtischen Gegend, ernährt sich gleich und benutzt dasselbe Shampoo, aber der Mann trägt immer einen Turban außerhalb des Hauses, so dass sein Haar so gut wie gar nicht von außen beeinflusst wurde. Wir fanden keinen signifikanten Unterschied zwischen den beiden, nicht einmal für einen typischen Luftschadstoff. Ich schließe daraus, dass Verschmutzung von außen kein großes Problem für meine Studie darstellt und dass unsere Waschmethode wirksam war. Für einige wenige Elemente hat es allerdings nicht geklappt und wir haben Ergebnisse bekommen, die keinen Sinn ergaben: Die Werte für Magnesium und Calcium beispielsweise sprangen hoch und runter wie verrückt in unseren Kurven. Für viele andere konnten wir aber klare Aussagen treffen.

MEDICA.de: In welchen Bereichen würde es Sinn machen, Ihren Test einzusetzen?

Gellein: Theoretisch wären Umwelt- oder Arbeitsmedizin mögliche Bereiche. Aber das Gerät, das wir benutzt haben, ist nicht für jedermann erhältlich und es ist sehr teuer. Unser Ziel war nicht, ein kommerzielles Produkt zu entwickeln, sondern die Ergebnisse für Haaranalysen zu verbessern.


Das Interview führte Anke Barth.
MEDICA.de


* Abkürzung für: high-resolution inductively coupled plasma mass spectrometry
** Im einzelnen: Ag, As, Au, Cd, Cu, Hg, Fe, Pb, Se, Sr, U, Zn