"Die Unternehmen der Medizintechnologie bleiben innovationsstark"

MEDICA.de: Welche Technik- und Markttrends prägen momentan die Geschäftsentwicklung besonders aus der Sicht Ihrer Mitglieder?

Joachim M. Schmitt: Die aktuelle BVMed-Umfrage zeigt, dass die Unternehmen der Medizintechnologie innovationsstark bleiben und weiter neue Arbeitsplätze schaffen. Das Umsatzwachstum in 2010 lag bei stabilen 5,5 Prozent. Die wirtschaftliche Entwicklung der Branche ist insgesamt gut.

Auf der anderen Seite sind aber auch die Kosten der Medizinproduktehersteller in den vergangenen Monaten erheblich gestiegen – vor allem verursacht durch stark gestiegene Rohstoffpreise. Allein im Jahr 2010 sind die Rohstoffpreise vor allem für Zellstoffe, Baumwolle, Vliesstoffe und medizinische Granulate für Kunststoffe zwischen 30 und 65 Prozent gestiegen. Die Rohstoffverteuerung betrifft eine breite Palette von Medizinprodukten: von Inkontinenzprodukten bis Kunststoffeinmalprodukte.

Außerdem geraten die Unternehmen zunehmend durch Außenstände in einigen europäischen EU-Mitgliedsstaaten unter Druck. Die „Late payment“-Problematik mit offenen Rechnungen über Monate oder sogar Jahre hinweg hat sich in einigen europäischen Ländern weiter verschärft. Die Gewinnsituation ist damit insgesamt angespannter.

Ein weiteres wichtiges Thema ist der Fachkräftemangel. Die Medizintechnologie steht in Deutschland für über 170.000 Arbeitsplätze und bietet Schulabgängern und Absolventen beste Chancen in einer attraktiven Branche. Bundeskanzlerin Doktor Angela Merkel hat die Gesundheitswirtschaft erst kürzlich als einen ‚Leuchtturm‘ in der Wirtschaftskrise bezeichnet. Umso bedenklicher ist der sich abzeichnende Fachkräftemangel – er gefährdet die Innovationskraft der Exportnation Deutschland.

Gründe für den Fachkräftemangel sind der demographische Wandel, aber auch eine mitunter mangelhafte Ausbildungsreife der Schulabgänger. Ausgerechnet dem Bereich Forschung fehlt der Nachwuchs – dem Innovationsstandort Deutschland droht damit das wertvollste Kapital auszugehen. Beispiel Ingenieure: Derzeit gibt es in Deutschland rund 650.000 Ingenieure. Davon gehen rund 370.000 in den nächsten 15 Jahren in den Ruhestand. Nachfolgen werden nach Schätzungen allerdings nur rund 150.000 Ingenieure (Stand Oktober 2010). Das zeigt den großen Handlungsbedarf auf.

Die Politik kann helfen, indem sie mehr in allgemeinbildende Schulen investiert. Auch sollten Unternehmen, die ihren Auszubildenden Nachhilfeunterricht in elementaren Fächern wie Mathematik oder Fremdsprachen anbieten, steuerliche Förderungen erhalten. Die Qualifizierung im medizinisch-technischen Bereich muss zudem modernisiert und interdisziplinärer ausgerichtet werden, um mit dem Innovationstempo der MedTech-Branche Schritt zu halten.

Ich möchte noch ein weiteres Thema erwähnen. Ein Megatrend, der uns sehr beschäftigt, ist der demografische Wandel, der die Zukunft der sozialen Versorgungssysteme stark verändern wird. Dies ist eine gesellschaftliche Herausforderung, für die sozialadäquate und wirtschaftlich bezahlbare Lösungen gefunden werden müssen. Vor allem medizintechnologische Innovationen werden hierbei verstärkt ihren Beitrag liefern. Dabei gilt es nicht nur die Lebensqualität von älteren und chronisch kranken Menschen zu verbessern, sondern vor allem auch Lösungen anzubieten, mit denen Selbstständigkeit beziehungsweise Erwerbsfähigkeit erhalten bleibt und damit langfristig die sozialen Sicherungssysteme entlastet werden. Eine entscheidende Rolle werden dabei innovative Technologiefelder unter anderem im Bereich Computerisierung, Molekularisierung, Miniaturisierung, Robotik, Telemedizin oder in Teilbereichen des Ambient Assisted Living (AAL) spielen.

MEDICA.de: Die Zuständigkeiten innerhalb der Bundesregierung für die Gesundheitspolitik haben sich nach der jüngsten Kabinettsumbildung mal wieder geändert. Welches gesundheitspolitische Vorhaben gehört aus Ihrer Sicht vorrangig angegangen?

Schmitt: Der neue Gesundheitsminister Daniel Bahr steht für Kontinuität. Er kennt die Themen der Unternehmen der Medizintechnologie sehr gut und ist seit vielen Jahren ein enger Gesprächspartner des BVMed. Er vereint Fachkompetenz mit Dialogbereitschaft. Fachkompetenz und Dialogbereitschaft sind auch und gerade wichtig bei dem aktuellen Thema der Nutzenbewertung von Medizinprodukten. Hier werden in den nächsten Monaten wichtige Weichen gestellt.

Für die Einführung von innovativen Untersuchungs- und Behandlungsmethoden in der GKV gibt es unterschiedliche Wege. Im Krankenhausbereich gilt das Prinzip der Erlaubnis mit Verbotsvorbehalt, das heißt die Einführung und Finanzierung neuer Untersuchungs- und Behandlungsmethoden können ohne vorherige Anerkennung des G-BA erfolgen. Im ambulanten Bereich gilt das Verbot mit Erlaubnisvorbehalt, das heißt die Aufnahme in den Leistungskatalog erfolgt erst nach positiver Entscheidung durch den G-BA. Mit dem vorgesehenen Versorgungsgesetz sollen auch gesetzliche Neuregelungen bei innovativen Behandlungsmethoden geschaffen werden. Für den BVMed bleibt die wichtigste Forderung, dass an dem innovationsfreundlichen Prinzip im Krankenhaus festgehalten wird. Diese Signale kamen stets auch von der neuen politischen Spitze des Gesundheitsministeriums.

MEDICA.de: Die Medizintechnik ist eine sehr innovationsgetriebene Branche. Hinsichtlich der Zahl der Patente liegt sie selbst vor der Automobilindustrie und der Datenverarbeitung. Allerdings wird der Nutzen neuer Verfahren immer wieder in Zweifel gezogen. Der Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), Professor Jürgen Windeler, hatte bereits kurz nach seinem Amtsantritt im letzten Jahr angekündigt, neben Arzneimitteln sich verstärkt auch der Nutzenbewertung von Medizinprodukten und medizintechnischen Verfahren zuwenden zu wollen. Lässt sich der Nutzen von Medizinprodukten vergleichbar bewerten wie der von Arzneien? Der BVMed hat in diesem Zusammenhang einen Innovationspool vorgeschlagen. Was hat es damit auf sich?

Schmitt: Für die Einführung von innovativen Untersuchungs- und Behandlungsmethoden in der GKV gibt es unterschiedliche Wege. Im Krankenhausbereich gilt das Prinzip der Erlaubnis mit Verbotsvorbehalt, das heißt die Einführung und Finanzierung neuer Untersuchungs- und Behandlungsmethoden können ohne vorherige Anerkennung des G-BA erfolgen. Im ambulanten Bereich gilt das Verbot mit Erlaubnisvorbehalt, das heißt die Aufnahme in den Leistungskatalog erfolgt erst nach positiver Entscheidung durch den G-BA. Mit dem vorgesehenen Versorgungsgesetz sollen auch gesetzliche Neuregelungen bei innovativen Behandlungsmethoden geschaffen werden. Für den BVMed bleibt die wichtigste Forderung, dass an dem innovationsfreundlichen Prinzip im Krankenhaus festgehalten wird. Diese Signale kamen stets auch von der neuen politischen Spitze des Gesundheitsministeriums.

Bei der Diskussion um die Nutzenbewertung von Medizinprodukten und die Erstattung neuer Untersuchungs- und Behandlungsmethoden muss nach Ansicht des BVMed unter verschiedenen Aspekten differenziert werden. Zum einen nach den Risikoklassen von Klasse I (geringes Risiko) bis Klasse III (höheres Risiko). Zum anderen bei Klasse III und II b, ob die neue Methode ein Me-Too Produkt/Verfahren, eine Modifikation (Schrittinnovation) oder eine Neuentwicklung (Sprunginnovation) ist.

Die Finanzierung der zusätzlichen Aufgaben sollte durch einen Innovationspool aus Steuermitteln erfolgen, da von der Verbesserung der Versorgungsqualität Patienten, Krankenkassen, private Krankenversicherungen, Krankenhäuser, medizinische Einrichtungen und Industrie gleichermaßen profitieren. Damit wird auch dem Ansatz der Bundesregierung zu einer Förderung der Versorgungsforschung sowie der steuerlichen Förderung von forschenden Unternehmen Rechnung tragen. Denkbar wäre alternativ auch ein DRG-Innovationszuschlag, der den Innovationspool speist.

Der BVMed appelliert an den neuen Gesundheitsminister, nicht durch überzogene Auflagen und übermäßige Prüfungen die Einführung von neuen Behandlungsmethoden zu erschweren, sondern den Patienten einen zeitnahen Zugang zu innovativen Medizintechnologien zu ermöglichen.

MEDICA.de: Welche Möglichkeiten der Einflussnahme auf Nutzenbewertungen durch das IQWiG sehen Sie?

Schmitt: Wir sind in unseren Gesprächen mit dem IQWiG auf einem guten Weg, Lösungen und Methoden für die Medizinprodukteindustrie partnerschaftlich und gemeinsam zu erarbeiten.

Klar ist: Wir wollen alle nur solche Innovationen, die dem Patienten nutzen. Bei den Methoden der Nutzenbewertung muss aber beachtet werden, dass Medizinprodukte sich erheblich von Arzneimitteln unterscheiden. Sie haben deshalb auch mit den EU-Richtlinien und dem Medizinproduktegesetz einen eigenen rechtlichen Rahmen. Die stark ausgeprägte Heterogenität des Marktes, ein nach Risikoklassen abgestufte Konformitätsbewertungsverfahren und die höheren Anforderungen an Chirurgen und Anwender sind nur einige der Unterschiede. Daraus folgt, dass auch die Nutzenbewertung andere Kriterien aufweisen muss. Die höchste Evidenzstufe ist nicht bei allen Medizinprodukten geeignet und sinnvoll. Für Medizinprodukte sind bei der Nutzenbewertung geeignete Verfahren und methodische Grundlagen notwendig. Wichtig ist hierbei, dass zunächst gemeinsam von Krankenkassen, Selbstverwaltung und Unternehmen eine Diskussion geführt wird, welche Methoden anzuwenden sind. Diese Gespräche werden derzeit geführt.

MEDICA.de: Welche Bedeutung hat die MEDICA für die Mitglieder Ihres Verbandes und welche Impulse erwarten Sie ausgehend von der MEDICA 2011?

Schmitt: Die MEDICA ist ein Schaufenster, das der ganzen Welt eine hoch innovative und überaus dynamische Branche zeigt. Rund ein Drittel ihres Umsatzes erzielen die Unternehmen der Medizintechnologie mit Produkten, die jünger als drei Jahre sind. Durchschnittlich investieren die forschenden MedTech-Unternehmen rund neun Prozent des Umsatzes in Forschung und Entwicklung. Das zeigt die ganze Dynamik der Branche, die sich auf der MEDICA sowohl bei den Ausstellern als auch im Kongressprogramm widerspiegelt.

In der Medizin entsteht eine Vielfalt neuer Technologien. Dazu gehören beispielsweise das Tissue Engineering, die Entwicklung neuer „intelligenter“ Materialien, die Integration von telemedizinischen Anwendungen in Behandlungsmethoden der Medizintechnologie, minimal-invasive Operationstechniken, Verfahren der Neurostimulation oder die Nanotechnologie. Außerdem werden diese Technologien immer weiter integriert, wodurch hochentwickelte Therapien entstehen, die oft „traditionelle“ Grenzen und Bereiche überschreiten. Zu diesen Zukunftsbereichen gibt die MEDICA wichtige Einblicke und Impulse.


MEDICA.de