Gendermedizin: "Geschlechterabhängige Umstellungen in Diagnostik und Therapie werden zu erwarten sein"

Interview mit Prof. Beate Rau, Charité Berlin, Sprecherin der "Arbeitsgruppe Gendermedizin"

Die Gleichstellung von Frau und Mann ist in der westlichen Welt seit vielen Jahren Thema und wird bereits an vielen Stellen erfolgreich umgesetzt, auch wenn es noch einige Hürden zu nehmen gilt - man denke nur an die Einführung einer Frauenquote in den Führungsetagen.

15/01/2014

Foto: Frau mit Brille und hellen Haaren - Beate Rau

Prof. Beate Rau; ©privat

Umso erstaunlicher, dass es einen Bereich gibt, indem die Unterscheidung zwischen Mann und Frau kaum stattfindet - leider, wie man sagen muss. Denn erst langsam setzt sich in der Medizin die Meinung durch, dass es eine stärkere Unterscheidung zwischen den Geschlechtern bei Diagnose und Therapie geben muss, um eine optimale Behandlung erzielen zu können. MEDICA.de sprach zum Thema mit Prof. Beate Rau von der Charité Berlin, Sprecherin der "Arbeitsgruppe Gendermedizin".

Frau Prof. Rau, sowohl Ärztinnen als auch Ärzte berücksichtigen bei der Diagnosestellung und Therapieverordnung, etwa bei einem Herzinfarkt, zumeist nicht das Geschlecht ihrer Patienten. Welche Gründe könnte dies haben?

Beate Rau: Ärztinnen und Ärzte lernen im Studium vor allem „den“ Körper und seine Funktionen zu verstehen und Pathologien zu behandeln, jedoch nicht den Körper der Frau oder den Körper des Mannes differenziert zu betrachten - zumindest nicht ausreichend. Das Augenmerk liegt meist nur auf den offensichtlichen anatomischen und metabolischen Unterschieden, wie beispielsweise dem Urogenitaltrakt oder den Sexualhormonen.

Es kristallisiert sich jedoch heraus, dass die Unterschiede gewichtiger sein könnten als angenommen, wie auch die Gründung Ihrer Arbeitsgruppe zeigt. Können Sie ein Beispiel aus der Viszeralchirurgie geben, an dem die Unterschiede zwischen den Geschlechtern besonders deutlich werden?

Rau: Anhand des Krankheitsbildes der Adipositas lässt sich die geschlechtsspezifische Relevanz des Geschlechterunterschieds vor allem in der Viszeralchirurgie besonders deutlich darstellen. Laut Robert Koch Institut sind zwei Drittel der Männer beziehungsweise 67 Prozent und die Hälfte der Frauen, beziehungsweise 53 Prozent, adipös, mit einem BMI von größer 25. Von besonderer Wichtigkeit ist ferner die unterschiedliche Manifestierung der Adipositas bei Frauen und Männern. Fettleibigkeit ist bei Frauen viszeral/intraabdominell betont und hat folglich weitgreifendere Konsequenzen als das hauptsächlich extraabdominelle Fett bei Männern. Ein weiterer wichtiger Punkt ist der postoperative Verlauf von Patienten, der sich wesentlich auf die stationäre Verweildauer niederschlägt. Die Ergebnisse einer retrospektiven Untersuchung zeigten, dass Männer im Vergleich zu Frauen im postoperativen Verlauf eine signifikant höhere Rate an Wundinfekten entwickeln. Die Ursachen sind derzeit nicht bekannt, könnten aber einem unterschiedlichen Level an Interleukinen geschuldet werden. Diese beiden Beispiele zeigen schon, wie wichtig die Berücksichtigung des Geschlechts, besonders in der Viszeralchirurgie, sein kann.

Sie möchten erreichen, dass Behandlungsstudien immer den Aspekt der geschlechtsspezifischen Unterschiede mit berücksichtigen. Was glauben Sie, bis wann könnte diese Forderung umgesetzt werden?

Foto: Mann und Frau beim Arzt

Ärztinnen und Ärzte lernen im Studium nicht ausreichend den Körper der Frau oder den Körper des Mannes differenziert zu betrachten; ©panthermedia.net/ nyul

Rau: In der Viszeralmedizin besteht unsere Aufgabe derzeit darin, Erkrankungen unterschiedlicher Organe, etwa der Lunge, des Gastrointestinaltraktes sowie der Leber und der Galle, auf Genderaspekte zu prüfen. Nach Erhebung dieser Daten wird die Arbeit erst richtig anfangen. Es müssen Studien auf den Weg gebracht werden, welche die Ursachen dieser Unterschiede analysieren. In Abhängigkeit dieser Ergebnisse werden dann geschlechterabhängige Umstellungen in Diagnostik und Therapie zu erwarten sein. Demzufolge wird es wahrscheinlich noch ein bis zwei Jahrzehnte dauern.

Wie bewerten Sie Unterschiede in der Behandlung in Bezug auf das Geschlecht des Arztes?

Rau: Das Geschlecht des behandelnden Arztes spielt natürlich immer eine Rolle. Das ist auch keinesfalls sofort als negativ zu werten. Schambehaftete Themen lassen sich oft leichter mit einer Identifikationsperson besprechen. Auch sucht der Patient oft nach gewissen von ihm erwarteten Verhaltensmustern, zum Beispiel nach Empathie, vermehrt bei Ärztinnen. Dennoch, der naheliegenden stereotypisierenden Antwort, dass Ärztinnen empathischer und Ärzte kompetenter sind, kann ich nicht zustimmen. Ich finde die Einteilung in divergierende Behandlungsweisen zwischen Ärztinnen und Ärzten überholt und denke demnach, dass nicht das Geschlecht des behandelnden Arztes oder der behandelnden Ärztin eine Rolle spielt, sondern die individuelle Sozialisierung und die Eigenschaften des Menschen, der behandelt.
Foto: Simone Ernst; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview führte Simone Ernst.
MEDICA.de