"Kunst und Kultur sind in allen Gesundheitsbereichen gut angebracht"

Interview mit Prof. Erwin Wagner, Leiter des Projektes "KulturStation" von der Stiftung Universität Hildesheim

Theater, Chor, Fotografie – Kunst und Kultur sind Balsam für die Seele. Davon überzeugt ist Prof. Erwin Wagner von der Stiftung Universität Hildesheim, der zusammen mit dem AMEOS-Klinikum das Projekt "KulturStation" auf die Beine gestellt hat. Patienten und Mitarbeiter der psychiatrischen Abteilung des Krankenhauses wurden in künstlerische Aktivitäten involviert. Das Ziel: besseres Wohlbefinden.

08.01.2015

Foto: Älterer Mann mit Brille und Anzug - Erwin Wagner

Prof. Erwin Wagner; ©privat

Nach drei Jahren Laufzeit zieht Prof. Wagner auf MEDICA.de ein Fazit und verrät, worauf er dabei am meisten stolz ist.

Herr Prof. Wagner, welche Rolle spielen Kunst und Kultur im Krankenhausalltag?

Erwin Wagner
: In der Regel haben sie keine oder nur eine ganz kleine Bedeutung. Manchmal nutzen Krankenhäuser Kunst und Kultur dafür, interessante Menschen zu sich zu locken, wenn zum Beispiel Vernissagen organisiert werden. Es gibt ein paar wenige Häuser, die wirklich Kunst produzieren oder kulturelle Formen im Krankenhaus selbst ins Leben bringen. Aber das passiert noch selten. Es gibt auch Formen der Unterhaltung mit Erheiterungs- oder Ablenkungswert wie die sogenannten Klinik-Clowns, die in erster Linie dazu da sind, um Menschen von ihrer Krankheit und ihrem Leid abzulenken und auf andere Gedanken zu bringen.

Wie entstand vor drei Jahren die Idee, die KulturStation am AMEOS-Klinikum Hildesheim einzurichten?

Wagner
: Wie so oft müssen in solchen Fällen günstige Konstellationen zusammen kommen. In dem Fall waren es drei Personen: Eine Mitarbeiterin aus dem therapeutischen Bereich, eine Mitarbeiterin, die ein ähnliches Projekt experimentell in einer anderen Einrichtung schon geprobt hatte, und ich, der das Krankenhaus im Management beraten hatte. Zusammen kamen wir auf die Idee, Kunst und Kultur gemeinsam mit Patienten und Personal der Psychiatrieabteilung zu machen, um zu beobachten, welchen Einfluss längerfristige Projekte auf das Wohlbefinden im Krankenhausalltag haben.

In der Führungsebene gab es unterschiedliche Reaktionen darauf. Einige waren von der Idee begeistert. Andere – vor allem die, die für die Finanzen zuständig sind – waren zunächst etwas zurückhaltend. Sie hatten mehr im Auge, ob ein solches Projekt auch ein anderes Licht auf das Krankenhaus werfen könnte – was vollkommen ok ist. Man hoffte auf eine größere Beachtung durch die Medien und die Öffentlichkeit. Auch das aber ist in Ordnung.

Die KulturStation besteht aus mehreren Einzelprojekten. Wie wurden sie organisiert?

Wagner
: Im Laufe der drei Jahre konnten wir verschiedene Kulturprojekte durchführen. Es gab zum Beispiel mehrere Konzerte, Tanz-, Fotografie- oder Theater-Workshops, Lichtinstallationen und Ausstellungen. Für die Organisation der einzelnen Aktionen war ein Team innerhalb des Krankenhauses zuständig. Sogenannte Kulturkuriere haben Patienten und Mitarbeiter der verschiedenen Stationen über unsere Aktivitäten informiert und dafür geworben sowie neue Ideen von Interessierten zu uns zurückgetragen. Dann haben wir in einem kleinen Rahmen mehrere Projekte organisiert, entsprechend der Wünsche und Vorstellungen der Teilnehmer. Neben den Patienten haben auch Mitarbeiter des Krankenhauses bei den Projekten mitgemacht – nicht ganz in dem Umfang, in dem wir es gerne hätten, aber einige waren dabei und das fand ich sehr gut.

Auf welches der vielen Einzelprojekte sind Sie am meisten stolz?

Wagner
: Wir haben zusammen mit dem Theaterpädagogischen Zentrum in Hildesheim über zwei Jahre lang eine Theatergruppe installieren können, die selbst ein Stück inszeniert und zwei Mal aufgeführt hat. Außerdem hat sich aus der KulturStation ein Chor entwickelt, der sich auch außerhalb des Projektes regelmäßig trifft und weiterhin zusammen singt. Darauf bin ich besonders stolz.
Foto: Szene aus "Sommernachtsträume an der A7"

In der TheaterStation wurde im Projekt ein Stück von Shakespeare vor dem Hintergrund der Erfahrungen in der Psychiatrie neu interpretiert. Mit "Sommernachtsträumen an der A7" trat die Theatergruppe zwei Mal auf; ©KulturStation

Wie wirkt sich Kultur auf die Gesundheit der Patienten aus?

Wagner
: Denjenigen, die an den verschiedenen Aktivitäten teilgenommen haben, ging es danach deutlich besser. Wir haben die Teilnehmer im Anschluss der Veranstaltungen gebeten, Fragebögen auszufüllen, die uns ein Feedback darüber geben sollen, inwieweit die Projekte für sie hilfreich waren. Daraus können wir schlussfolgern, dass sowohl die teilnehmenden Patienten als auch Mitarbeiter der Psychiatrie besonders Spaß daran hatten. Dadurch verbesserten sich auch ihr Wohlbefinden und ihr Selbstbewusstsein. Wir können jedoch keine wissenschaftlichen Erkenntnisse dazu geben, welche künstlerische Aktivität in welchem Umfang bei welcher Erkrankung am besten wirkt.

Hatte das Projekt auch eine wirtschaftliche Bedeutung für das Krankenhaus?

Wagner
: Hier möchte ich unseren ehemaligen ärztlichen Direktor zitieren, der einmal sagte: "Die öffentliche Aufmerksamkeit, die wir dank der KulturStation erlangt haben, hätten wir bei Weitem nicht in dem Maße erreicht, wenn wir das Geld in eine Marketingabteilung investiert hätten." Die Öffentlichkeitswirkung war also deutlich spürbar. Allerdings hatten sich einige durchaus mehr davon erhofft.

Welches Fazit ziehen Sie nach drei Jahren Laufzeit und wie sieht die Zukunft der KulturStation aus?

Wagner
: Es hat sich auf jeden Fall gelohnt, das Projekt zu machen. Ich bin auch sehr dankbar, dass sich die Klinik darauf eingelassen hat und wir es verwirklichen konnten. Ich steige zwar aus dem Projekt aus, aber es wird weiterhin genutzt. Die Weiterführung übernimmt ab dem kommenden Jahr Marie Beisert, die bereits im Koordinationsteam mit dabei war.

Die Ergebnisse und Eindrücke, Methoden und Netzwerke, die wir gemeinsam geschaffen haben, werden weitergenutzt, um diese Idee anderen Krankenhäusern bekannt zu machen und sie dann auch als individuelles Produkt anzubieten. Zur Dokumentation haben wir zwei Broschüren erstellt. Es wird daran gearbeitet, diese Idee in angepasster Form auch in anderen Gesundheitsbereichen zu verbreiten, zum Beispiel in der Pflege oder Versorgung älterer Menschen. Denn wir denken, dass Kunst und Kultur im gesamten Gesundheitsbereich immer gut angebracht sind und anregend sowie nützlich sein können.
Foto: Michalina Chrzanowska; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview führte Michalina Chrzanowska. 
MEDICA.de