Betriebliche Gesundheit: "Mitarbeiter, die ihre Begabungen mit Lust einbringen, bleiben gesund"

Interview mit Dr. Walter Kromm

Dr. Walter Kromm, Master of Public Health, ist nicht nur Allgemeinarzt, sondern auch Gesundheitsberater für Führungskräfte. In seiner langjährigen Tätigkeit stellte er immer wieder fest, wie wichtig die Gesundheit der Mitarbeiter für die Gesundheit des gesamten Unternehmens ist. MEDICA.de sprach mit ihm über elementrare Grundbedürfnisse im Arbeitsleben, Obstkörbe und die Kraft der Führung.

08.04.2014

Foto: Walter Kromm

Dr. Walter Kromm ©privat

Herr Dr. Kromm, Sie sind Mediziner und arbeiten seit vielen Jahren auch als Unternehmensberater und führen wissenschaftliche Studien zum Thema Führung durch. Warum haben Sie sich auf dieses Klientel spezialisiert?

Walter Kromm: Dass ich mich mit Führungskräften und mit Führung in Unternehmen beschäftige, hat etwas mit meiner Biografie zu tun. Ich bin gelernter Industriekaufmann, habe Abitur auf einem Wirtschaftsgymnasium gemacht und dann Medizin studiert. Nach der Facharztausbildung habe ich selbst eine Führungsverwendung übernommen. Nach einem dienstlich veranlassten Studium „Public Health“ übernahm ich eine Stelle als Dozent am Zentrum Innere Führung, bevor ich fünf Jahre lang Führungskräfte bei der NATO betreut habe. Meine Erlebnisse und Erfahrungen haben mich infolge dessen motiviert, das Forschungsprojekt „Gesunde Unternehmen“ zu initiieren. So kam es, dass ich ständig sowohl in der Welt der Medizin als auch in der Welt der Unternehmen und deren Führungskräften tätig bin.

Worauf fokussieren sich Ihre aktuellen Aktivitäten?

Kromm: Seit meiner Rückkehr nach Deutschland versuche ich in einem großen Forschungsprojekt herauszufinden, unter welchen Bedingungen es Führungskräften gelingt, anspruchsvolle Aufgaben mit ihren Mitarbeitern zu bewältigen, ohne sich selbst und andere dabei zu verschleißen. Diesbezüglich wurden bereits einige Studien durchgeführt und wir kommen der Antwort auf diese Frage immer näher.

Was ist nach Ihrer Auffassung der größte gesundheitsbeeinflussende Faktor in einem Unternehmen?

Kromm: Nach meiner festen Überzeugung ist es die Qualität der Interaktion zwischen Führungskräften und ihren Mitarbeitern. Wir haben mehrere Studien zu diesem Thema durchgeführt. An der größten Studie haben knapp 1.000 Personen teilgenommen, Führungskräfte und ihre Lebenspartner. Es ging um die Beantwortung der Frage: Was hilft Leistungsträgern trotz vieler potenziell gesundheitsgefährdender Einflüsse, gesund zu bleiben? Das Ergebnis dieser Studie war – in aller Kürze: Menschen werden nicht krank, wenn sie viel arbeiten müssen, sondern sie werden krank, wenn sie viel arbeiten müssen und gleichzeitig ihre elementarsten Bedürfnisse frustriert werden.
Foto: Chef und Mitarbeiter

Menschen stets auf Augenhöhe zu begegnen, macht laut Walter Kromm eine gute Führungskraft aus; © panthermedia.net/Edhar Yuralaits

Welche Bedürfnisse sind das?

Kromm: Jeder Mensch hat ein Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung, also nach Anerkennung, Wertschätzung und Achtung. Hinzu kommt das Bedürfnis nach Bindung. Das heißt, jeder möchte irgendwo dazu gehören und die Gewissheit haben, dass ihm jemand hilft, wenn es Probleme gibt. Darüber hinaus hat jeder Mensch das Bedürfnis, sich entfalten zu können und zu wachsen.

Welche Erfahrungen haben sie mit Gesundheitsprogrammen in den Unternehmen?

Kromm: Mitarbeiterbefragungen und daraus resultierende Grafiken und Tabellen ändern nur wenig – das höre ich zumindest öfters in den Unternehmen. Allein das Bemühen irgendetwas Gesundes zu tun, indem Kochkurse angeboten werden, Obstkörbe aufgestellt oder Gymnastikgruppen gebildet werden, macht auch kein Unternehmen wirklich gesünder.

Aber Sie haben nicht wirklich etwas gegen Obst und Bewegungsanreize, oder?

Kromm: Ich habe gar nichts gegen Obstkörbe, bequeme Bürostühle oder gesponserte Mitgliedschaften in Fitness-Studios. Aber das sind nicht die Big Points. Firmen beschäftigen sich mit Krankenstatistiken – zu Recht, weil die fünf Prozent der Mitarbeiter, die fehlen, auch wirklich teuer sind. Aber was sie noch nicht ausreichend bedenken, ist, dass die Qualität der Anwesenheit der 95 Prozent, die dauernd da sind, das eigentlich Entscheidende ist.

Wenn man es schafft, die überwiegende Mehrheit der anwesenden Mitarbeiter so zu führen, dass sie Lust haben, sich wechselseitig Ressourcen auszutauschen und sich engagiert mit ihren Begabungen einzubringen, dann ist das das Gesündeste, was man sich überhaupt vorstellen kann.

Wie funktioniert das konkret?

Kromm: Um das herauszufinden, haben wir im Rahmen einer weiteren Studie mit Leistungsträgern aus verschiedenen Unternehmen, angefangen bei einem DAX-Konzern bis hin zu mittelständigen Unternehmen aus Deutschland und Führungskräften aus der Schweiz, unter streng anonymen Bedingungen Gedankenexperimente durchgeführt. Wir wollten wissen, was sich die Menschen von ihren Vorgesetzten wirklich wünschen. Auch hier waren die Ergebnisse so überraschend eindeutig, dass wir der Unternehmensleitung genau sagen konnten, was ihre Leistungsträger brauchen und was sie zurückbekommen, wenn sie ihnen das zuvor erwähnte geben.
Foto: Führungskraft

Ein Vorgesetzter, der seinen Mitarbeitern Kraft gibt, sorgt gleichzeitig für die Gesundheit seines Unternehmens; © panthermedia.net/
Pablo Scapinachis Armstrong

Wir sind dann noch einen Schritt weiter gegangen. Wir haben ein Messinstrument entwickelt, um die Qualität der Interaktion zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern bestimmen zu können und haben unter anderem auch einen Loyalitäts- und Engagements-Index gebildet. Dann haben wir Gruppen, in denen dieser Loyalitäts-Index sehr hoch war, mit Gruppen, in denen dieser sehr niedrig ausfiel, miteinander verglichen und vor allen Dingen geschaut, wie sich die Vorgesetzten dieser beiden Gruppen voneinander unterscheiden.

Was machen nun die Vorgesetzten, die das Glück haben, sehr engagierte und loyale Mitarbeiter zu haben? Die Vorgesetzten, die von ihren Mitarbeitern sehr viel bekommen, geben ihren Mitarbeitern vorher das, was sie brauchen. Sie fördern die Kohärenz ihrer Mitarbeiter. Das heißt, sie helfen ihnen, die Dinge zu verstehen. Sie machen ihnen Mut, wenn es Probleme gibt, sie vermitteln eine Sinnhaftigkeit, sie zollen den Mitarbeitern Anerkennung und Wertschätzung und vor allen Dingen: Sie kommunizieren mit ihnen auf Augenhöhe. Was wollen denn Vorgesetzte von Ihren Mitarbeitern? Loyalität und ein hohes Maß an aktivem Engagement. Vorgesetzte, die das schaffen, sind dann auch wirkliche „Führungskräfte“.

Ist das ein bestimmter Führungsstil oder eher eine Grundeinstellung im zwischenmenschlichen Verhalten?

Kromm: Diese Vorgesetzten haben verstanden, dass eine wechselseitige Abhängigkeit besteht. Sie verstehen es, Menschen Kraft zu geben. Deshalb heißen sie ja auch FührungsKRAFT.

Warum treten das Burn-out-Syndrom und andere stressbedingte Erkrankungen in der heutigen Zeit so häufig auf?

Kromm: Das mit dem Burnout ist so eine Sache. Wenn man dem Begriff Burn-out etwas Gutes abgewinnen möchte, dann vielleicht die Tatsache, dass man über seelische Probleme reden kann, ohne als psychisch krank abgestempelt zu werden und ohne sich schämen zu müssen. Wenn jemand sagt, ich habe ein Burn-out, dann suggeriert das auch eine hohe Leistungsbereitschaft.

Doch hinter diesem Begriff kann man sich auch verstecken. Man sollte auch nicht aus jedem Wechselfall des Lebens eine psychische Krankheit machen, auch wenn es mittlerweile eine inflationäre Anzahl psychischer Diagnosen gibt. Psychisch gesund zu sein heißt ja nicht: keine Lebenskrisen zu haben, sondern irgendwie wieder aus Krisen herauszukommen. Manchmal brauchen wir sogar die Krise, um zu sehen, was man bisher nicht gesehen hat und um zu verstehen, was man bisher nicht verstanden hat.

Welchen Einfluss hat die Gesundheit der Mitarbeiter eines Unternehmens auf die gesamte Wirtschaft in Deutschland?

Kromm: Man weiß heute, dass bei einer achtsamen, unterstützten Art des Führens die Menschen nicht nur gesünder, sondern auch die betrieblichen Geschäftszahlen besser sind. In der nächsten Studie wollen wir beweisen, dass dies gravierend für die Wirtschaftlichkeit eines Unternehmens ist. Ich bin davon fest überzeugt.

Welche Erfahrungen haben Sie diesbezüglich in anderen Ländern gesammelt?

Kromm: Anfang der neunziger Jahre war ich mit einer Delegation vom Zentrum Innere Führung in Kiew. Die ukrainischen Streitkräfte wollten das Prinzip der „Inneren Führung“ kennenlernen. Der Leiter unserer Delegation, ein deutscher Admiral, wollte mit jungen Kadetten sprechen. Unsere Gastgeber haben zunächst nicht verstanden, warum ein Admiral mit Kadetten reden sollte. Nach langen Widerständen kam es dann doch zu diesem Treffen. 300 Kadetten betraten den Hörsaal. Unser Admiral stellte sich vor und erzählte von sich. Danach sagte er zu ihnen: Jetzt dürfen Sie mir Fragen stellen. Die Gesichter dieser jungen Männer werde ich nie vergessen! Sie konnten es gar nicht fassen, dass ein Ranghöherer ihnen auf Augenhöhe begegnete. In diesem Moment wurde mir bewusst, wie einfach es sein kann, Menschen Achtsamkeit und Wertschätzung entgegen zu bringen.
Foto: Michalina Chrzanowska; Copyright: B. Frommann

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Das Interview führte Michalina Chrzanowska.
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