"Wir wollen die Intensivmedizin einfach besser machen"

Interview mit Prof. Elke Muhl, Präsidentin der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin e. V. (DIVI)

Von Atomkraftwerken gelernt: Auf deutschen Intensivstationen werden seit 2010 Peer Reviews durchgeführt. Durch die freiwilligen Kreuzgutachten soll vor allem die Qualität der Intensivmedizin verbessert werden. Am Ende profitiert davon nicht nur der Patient, sondern auch das Krankenhaus.

22.01.2015

Foto: Prof. Elke Muhl

Prof. Elke Muhl; © DIVI

Sprecherin der nationalen Steuerungsgruppe für das Verfahren ist Prof. Elke Muhl. Die Präsidentin der DIVI erklärt auf MEDICA.de die Durchführung und die Ziele dieser Kreuzgutachten.

Frau Prof. Muhl, Vorbild für die Peer Reviews sind Atomkraftwerke, wo solche Kreuzgutachten im Laufe der Jahrzehnte einige Störfälle mit Schnellabschaltungen verhindert haben. Warum ist dieses Verfahren auch auf Intensivstationen besonders sinnvoll?


Elke Muhl: Auf Intensivstationen in Deutschland liegen ungefähr 2,1 Millionen Patienten im Jahr – mit akut lebensbedrohlichen Erkrankungen und mit einem erheblichen Anteil von Organversagen. Für sie ist es lebensentscheidend, dass sie dort die bestmögliche Therapie bekommen. Wenn das nicht passiert, hat das Auswirkungen auf die Folgezustände und -erkrankungen, vielleicht sogar auf die Sterblichkeit. Insofern kann man die Gefahrensituation auf einer Intensivstation durchaus mit einem Atomkraftwerk vergleichen. Deswegen ist es auch so wichtig, dass wir uns hier um die Qualität kümmern.

Wie verläuft so ein Kreuzgutachten und wer bildet ein Review-Team?

Muhl
: Die Station, die so ein Verfahren durchlaufen möchte, meldet sich zunächst bei ihrer zuständigen Landesärztekammer, die dann ein Peer Review-Team organisiert. Das Team besteht aus einer Intensivpflegekraft, einem Intensivmediziner und meistens einem Vertreter der Ärztekammer. Die Peers durchlaufen vorher eine Weiterbildung, bei der sie lernen, was und wie bei einem Review erfragt und geprüft werden muss.

Die Station bekommt einen Fragebogen mit 52 Fragen zur Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität und einen Bogen mit zehn Qualitätsindikatoren. Dabei schaut sich das Stationsteam seine Qualität selbst an, was im Alltag sonst nur selten getan wird. Die ausgefüllten Bögen bekommt das Peer Review-Team, damit es sich vorinformieren kann. Dann wird die Station an einem Tag besucht und begutachtet. Die Peers stellen Fragen zu dem Fragebogen, sprechen mit den Mitarbeitern und schauen sich die Arbeitsabläufe und die Dokumentation an. Sie prüfen, ob die Mitarbeiter wirklich über bestimmte Vorgehensweisen informiert sind und es nicht nur so in dem Fragebogen angegeben wurde. Am Ende des Tages kommt es zu einem Abschlussgespräch mit der Stationsleitung. Im Nachgang macht die Peer Review-Gruppe eine Vor-Ort-Analyse, wo Stärken, Chancen, Schwächen und Risiken der Station bewertet werden und wo eingeschätzt wird, mit wie viel Prozent die Qualitätsindikatoren auf der Station umgesetzt sind. Hier ist wichtig: Keine Station hat 100 Prozent! Sonst hätten wir keinen Verbesserungsbedarf. 

Foto: Patient auf einer Intensivsation

Die Versorgungsqualität ist für die Patienten einer Intensivstation lebensentscheidend; © panthermedia.net/Tyler Olson

Diesen Bericht bekommt dann die Station, die das Kreuzgutachten angefordert hat. Ganz wichtig ist, dass das Gutachten vertraulich ist. Die Stationsleitung soll es in ihrem Team kommunizieren und ausmachen, wo es Verbesserungsbedarf gibt und was man dahingehend unternimmt.

Es ist also ein Gutachten, das ausschließlich intern verwendet wird.

Muhl
: Ganz genau. Aber die Peer Review-Gruppen besuchen sich auch gegenseitig innerhalb des landesweiten Netzwerkes. Dadurch kam es zu einem unerwarteten Nebeneffekt des Verfahrens: Intensivstationen tauschen ihr Wissen darüber aus, wie man solche Qualitätsfaktoren am besten umsetzt. Denn Abgucken ist in dem Fall erlaubt und sogar erwünscht: Wie haben denn das die anderen gemacht und warum klappt es bei ihnen besser? Wie können wir das genauso hinbekommen?

Welches Ziel verfolgen die Bundesärztekammer und die DIVI mit den Peer Reviews?

Muhl
: Wir wollen die Intensivmedizin einfach besser machen. Die Menschen, die auf den Intensivstationen arbeiten, wollen eine gute Intensivmedizin betreiben. Wir wollen ihnen mit dem Verfahren helfen, eine hohe Qualität zu erzielen.

Warum machen wir das? Wir wissen, dass in Bezug auf bestimmte Maßnahmen in der Intensivmedizin und anderen medizinischen Bereichen die Evidenz nicht zu 100 Prozent in der Praxis ankommt. Und diese möchten wir einfach steigern, sodass das, was für den Patienten am besten ist, auch im höchstmöglichen Umfang bei ihm ankommt.

Wie oft werden Peer Reviews in Deutschland durchgeführt?

Muhl
: In Deutschland durchliefen bereits über 100 Intensivstationen ein Peer Review. In diesem Bereich haben wir über 700 Peers ausgebildet. Das Verfahren wird jedoch auch in anderen Bereichen, wie der Transfusionsmedizin, bereits angewendet. Es gibt auch Bestrebungen, sie in der Neonatologie sowie in der Kinder- und Jugendmedizin einzuführen. Überall, wo es definierte Qualitätsindikatoren für einen Bereich gibt, könnte man solche Peer Reviews durchführen. Die Bundesärztekammer möchte es deshalb ausweiten.

In den Niederlanden, Skandinavien und den USA sind Peer Reviews im Gesundheitsbereich ebenfalls verbreitet. Auch einige Wirtschaftsunternehmen aus dem Healthcare-Bereich wie private Krankenhauskonzerne wenden ähnliche Verfahren an.

Von solchen Qualitätsprüfungen profitieren am Ende vor allem die Patienten. Welche Vorteile haben Peer Reviews für die Krankenhäuser selbst?

Muhl
: Da die Mitarbeiter von Anfang an in das Verfahren involviert sind, ist ihre Motivation groß, die Qualität ihrer Arbeit zu verbessern. Der Erfolg der Station wird dann zum Erfolg des gesamten Krankenhauses. Im Endeffekt profitiert die Klinik von geringerer Liegedauer, geringeren Raten an beatmungspflichtigen oder im Krankenhaus erworbenen Pneumonien und einer geringeren Anzahl von Krankenhausinfektionen. Außerdem ist das Verfahren sehr kostengünstig. Das Krankenhaus kann auch damit werben, dass es sich in die Karten schauen lässt und dass es den Blick von anderen auf seine Intensivstation nicht scheuen muss. Es geht jedoch nicht darum, herauszustellen, welche die beste von 30 Intensivstationen ist. Es ist kein Benchmark-Verfahren.
Foto: Michalina Chrzanowska; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview führte Michalina Chrzanowska.
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