Gegenwärtig empfehlen die einschlägigen Leitlinien, Männer mit einer Lebenserwartung von höchstens noch zehn Jahren nicht mehr in Bezug auf ein Prostatakarzinom zu screenen. Die möglichen Nebenwirkungen einer Therapie bei Vorliegen eines Prostatakarzinoms stehen dann in keinem guten Verhältnis zum möglichen Nutzen einer solchen Therapie. Das bedeutet, dass ein solches Screening für Männer über 75 Jahre kaum noch in Betracht kommt. Allerdings ist diese Auffassung nicht unumstritten. Es gibt Hinweise darauf, wonach Männer auch im höheren Alter noch von einem Screening profitieren.

Diese Frage sollte nun in einer Studie näher untersucht werden. Daten von 465 Männern im Alter zwischen 75 und 84 Jahren wurden in diese Studie mit einbezogen. Alle waren Teilnehmer der "Prostate Cancer Outcomes Study". 175 dieser Männer hatten sich einer radikalen Prostatektomie oder radiologischen Therapie unterzogen, 290 Männer erhielten eine medikamentöse Hormontherapie oder keine Behandlung.

Zwei Jahre nach der Diagnose war die Lebensqualität bei den aggressiv behandelten Männern deutlich niedriger als bei den Männern der Vergleichsgruppe. Vor allem Probleme beim Urinieren und sexuelle Dysfunktionen waren in der Gruppe der Prostatektomierten häufiger.

In Bezug auf die krankheitsspezifische Mortalität ist die aggressive Prostatektomie der konservativen Behandlung beziehungsweise der Nicht-Behandlung deutlich überlegen. Allerdings: Die Gesamtmortalität in beiden Gruppen war annähernd vergleichbar. Das bedeutet: Patienten, die aggressiv chirurgisch behandelt worden waren, sterben zwar seltener an ihrem Prostatakarzinom als die Patienten der Vergleichsgruppe, dafür aber an anderen Erkrankungen. In den Augen der Studienleiter bestätigt das die bisherigen Leitlinien.

MEDICA.de; Quelle: American Journal of Medicine 2006, Vol. 119, S. 418-425