Ärztinnen in Führungspositionen

06.03.2015
Foto: Ärztin

Die DGHO hat eine umfangreiche Liste mit Forderungen erarbeitet, um Frauen künftig u.a. leichter den Einstieg in Führungspositionen zu ermöglichen; © panthermedia.net/ Axel Killian

Obwohl knapp 70 Prozent der Studierenden im Fach Humanmedizin weiblich sind, beträgt der Frauenanteil in Führungspositionen in der Inneren Medizin nur 3,6 Prozent. Deshalb fordert die DGHO Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie e.V. sowohl die Verbesserung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie als auch eine verstärkte Besetzung von Führungspositionen durch Medizinerinnen.

Zentrale Fragestellungen und Lösungsansätze hat die Fachgesellschaft anlässlich des Weltfrauentages am 8. März 2015 gemeinsam mit dem Arbeitskreis Frauen der DGHO und der Arbeitsgemeinschaft der Gynäkologischen Onkologie (AGO) der Deutschen Krebsgesellschaft diskutiert.

Aufgrund des demografischen Wandels ist allein von 2008 bis 2020 bei Männern mit einem Anstieg der Krebsneuerkrankungen um 18 Prozent und bei Frauen um 9 Prozent zu rechnen. „Der Bedarf an Krebsfachärzten steigt, zumal in den nächsten Jahren auch etwa ein Viertel der derzeit tätigen Hämatologen und Onkologen in den Ruhestand gehen wird”, konstatiert Prof. Diana Lüftner, Vorsitzende der DGHO. Als Fachgesellschaft ist es der DGHO ein Anliegen, den ärztlichen Nachwuchs zu fördern und speziell auch junge Ärztinnen in ihrer Karriere zu unterstützen. „Insbesondere müssen wir fachlich hochqualifizierte Ärztinnen endlich auch für Führungspositionen in Universitätskliniken und Krankenhäusern gewinnen“, betont Lüftner.

Obwohl Frauen einen großen Teil des ärztlichen Nachwuchses stellen – im Jahr 2013 ist der Anteil der Ärztinnen an der berufstätigen Ärzteschaft von 44,3 auf 45 Prozent gestiegen –, sind sie sowohl in einzelnen Fachgebieten als auch in den Führungsebenen des Gesundheitswesens deutlich unterrepräsentiert. Wie der aktuelle Band der Gesundheitspolitischen Schriftenreihe der DGHO „Frauen in der Hämatologie und Onkologie. Fakten und Forderungen“ zeigt, liegt der Anteil von Ärztinnen in Führungspositionen gerade einmal bei 26 Prozent, bei den W3/C4-Professuren sogar nur bei 6 Prozent. „Im Bereich der Hämatologie und der Medizinischen Onkologie bekleidet derzeit keine einzige Ordinaria einen Lehrstuhl“, kritisiert Lüftner. „In der Hämatologie und Onkologie arbeiten mehr Frauen in den Positionen der Assistenz-, Fach- und Oberärztin. Mit der Position der Chefärztin bzw. des Chefarztes kehrt sich dieses Verhältnis dramatisch um“, so die Vorsitzende.

Dr. Antonia Busse von der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Hämatologie, Onkologie und Tumorimmunologie an der Charité erläuterte diese Problematik: „Vielen Frauen sind Führungspositionen nicht den Verzicht wert, den sie dafür bringen müssen. Familiengründung bedeutet auch heute noch einen Karriereknick für Frauen, die sich zunächst der Kindererziehung widmen. Und das betrifft nicht nur das Erlangen von Führungspositionen, sondern auch das erfolgreiche Beenden der Weiterbildung.“

Prof. Tanja Fehm, Direktorin der Frauenklinik an der Universitätsklinik Düsseldorf, betonte die Notwendigkeit, auf den Nachwuchsmangel zu reagieren. Langfristig werde man die Nachwuchsproblematik nur lösen können, wenn man den Bedürfnissen des ärztlichen Nachwuchses gerecht werde.

Dr. Iris Hauth, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), machte deutlich, dass die von Lüftner und Fehm für den Bereich der Hämatologie und Onkologie geschilderten Probleme und Herausforderungen auch für andere Disziplinen der Medizin von Bedeutung sind. Junge Psychiaterinnen und Psychiater wünschen sich eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf, um eine Familie zu gründen oder Verantwortung für einen pflegebedürftigen Angehörigen zu übernehmen.

Dr. Maren Knödler, Oberärztin und Leiterin der Portalambulanz am UCCL am Universitätsklinikum Leipzig und Leiterin des Arbeitskreises Frauen der DGHO, beleuchtete den Themenkomplex „Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Rahmen der aktuellen Weiterbildungsordnung“. Die von ihr und den anderen Referentinnen dargestellte schwierige Vereinbarkeit von Beruf und Familie bestätigt auch die aktuelle DGHO-Umfrage. Sowohl die Mehrheit der befragten Ärztinnen als auch der befragten Ärzte gaben an, dass eine Vereinbarkeit nur mit Kompromissen möglich sei (jeweils 71 Prozent). In der Summe werden die angegebenen Kompromisse bei den weiblichen DGHO-Mitgliedern am ehesten in der Wahl der Kinderlosigkeit gesehen. Dass Beruf und Familie „eher gut“ bis „sehr gut“ vereinbar sind, glauben nur 11 Prozent der befragten Ärztinnen und 12 Prozent ihrer männlichen Kollegen.

Einer der Gründe für die Disparitäten bei den Karriereverläufen von Ärztinnen und Ärzten liegt laut DGHO in der ärztlichen Weiterbildungsordnung, in der immer noch familienfreundliche Lösungen fehlen. Derzeit, so Lüftner, sei die Anerkennung von Zeiten für die ärztliche Weiterbildung zur Fachärztin erst ab einem Stellenanteil von 0,5 möglich. „Das ist mit Blick auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht mehr zeitgemäß. Eine Anerkennung ab einem Anteil von 25 Prozent wäre perspektivisch sicherlich förderlich“, betont die Vorsitzende der Fachgesellschaft. „Neben einem Umdenken und der Anerkennung beruflicher, familiärer und sozialer Realitäten brauchen wir Instrumente und Maßnahmen, mit denen wir die Karrieren von jungen Ärztinnen fördern können“, so Lüftner weiter.

Um die berufliche Situation von Frauen in der Hämatologie und Onkologie zu verbessern, stellt die DGHO folgende konkrete Forderungen auf:
• Anerkennungszeiten für die ärztliche Weiterbildung ab einem Stellenanteil von 0,25 bei einer minimalen Laufdauer von weiterhin sechs Monaten
• Bei Erfüllung aller Inhalte und Bestätigung der Fähigkeiten ist eine Verkürzung der errechneten Weiterbildungszeiten auf Basis von Teilzeitbeschäftigung um bis zu 30 Prozent möglich
• Verstärkte Implementierung von flexiblen Teilzeitarbeitsmodellen; Gewährung eines Zuschlags von 10 Prozent auf das Personalbudget zur Sicherstellung der Übergabezeiten
• Für die Gewährleistung der Kontinuität und Sicherung der Behandlungsqualität ist bei Schwangerschaft eine überlappende Besetzung ab 8 Wochen vor einem voraussichtlichen Geburtstermin notwendig. Hierfür muss ein entsprechendes Budget zur Verfügung gestellt werden.
• Weiterentwicklung von Konzepten zur Kinderbetreuung sowie Ausbau des bestehenden Angebots zur Kinderbetreuung
• Erlöszuschlag für Kliniken und Arztpraxen, die Weiterbildung anbieten
• Implementierung DRG-unabhängiger Finanzierungsmöglichkeiten zur Förderung von Teilzeitarbeit – zum Ausgleich finanzieller Mehrbelastung der Arbeitgeber durch Teilzeitarbeit
• Implementierung und transparente, vorausschauende und verbindliche Planung von Job-Sharing-Stellen in Verbindung mit flexiblen Teilzeitmodellen
• Gewährleistung von Rotationen in Spezial- / Fremdabteilungen und Forschung auch für Ärzte mit Teilzeitverträgen (z. B. durch Teambildungen)

MEDICA.de; Quelle: DGHO Deutsche Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie e. V.