Übergewicht bringt berufliche Nachteile

Foto: Übergewichtiger Mann im Anzug

Personalentscheider sprechen
dicken Menschen Führungs-
qualitäten ab;© panthermedia.net/
Scott Griessel

Die Wissenschaftler hatten bei einem Experiment im Rahmen des WissenschaftsCampus Tübingen 127 erfahrene Personalentscheider befragt.

„Wir wollten herausfinden, ob bei geschulten Personalentscheidern Vorurteile gegenüber adipösen Menschen vorhanden sind“, sagt Doktor Katrin Giel. Um mögliche Vorurteile isoliert, also unabhängig von anderen Einflüssen, erfassen zu können, wählten die Wissenschaftler ein experimentelles Design. So wurden Personalentscheidern sechs Fotos vorgelegt, auf denen jeweils eine Person abgebildet war. Alle Abgebildeten waren ungefähr gleich alt und hatten einen vergleichbaren sozioökonomischen Status, aber unterschiedliches Körpergewicht. Um Verzerrungen zu vermeiden, trugen alle Personen auf dem Foto ein weißes T-Shirt und eine Jeans.

Die Studienteilnehmer hatten die Aufgabe, einzuschätzen, welchen Beruf die sechs Personen ausüben. Dafür konnten sie aus einer Reihe von vorgegebenen Berufen wählen. Darüber hinaus sollten sie diejenigen Personen benennen, die ihrer Meinung nach in einem Bewerbungsgespräch um eine Abteilungsleiterstelle in die engere Wahl genommen würden. „Die Ergebnisse unserer Studie sind eindeutig“, so Giel. „In beiden Fällen schnitten die Übergewichtigen sehr schlecht ab. Ihnen wurde fast nie ein Beruf mit hohem Prestige zugetraut und sie wurden ebenso selten für eine Abteilungsleiterstelle ausgewählt“.

Die Vorurteile gegenüber Übergewichtigen treffen dabei besonders stark Frauen. „Nur zwei Prozent der befragten Personaler ordneten den auf den Bildern abgebildeten adipösen Frauen einen Beruf mit hohem Prestige zu. Und gerade mal ungefähr sechs Prozent der Befragten traute ihnen zu, bei einer Bewerbung um eine Abteilungsleiterstelle in die engere Auswahl gekommen zu sein“, fasst Thiel ein zentrales Ergebnis der Untersuchung zusammen. Ein Vergleich mit repräsentativen Daten zur Verteilung von Berufen in Deutschland aus dem German Health Survey zeigt sogar, dass die Personaler die beruflichen Karrierechancen von adipösen Menschen erheblich unterschätzen.

Für die Wissenschaftler sind die Ergebnisse ein klares Signal, dass nicht nur der Kampf gegen die Adipositas selbst stärker gefördert werden muss, sondern auch die Entwicklung von Maßnahmen gegen eine Stigmatisierung adipöser Menschen stärker gefördert werden muss. Ein erster Schritt sei, in Bewerbungsverfahren – ähnlich wie im angloamerikanischen Raum längst üblich ‒ auf Fotomaterial zu verzichten, um die Chancengleichheit zu wahren. „Sonst“, so Thiel, „ist für stark Übergewichtige das Verfahren möglicherweise schon zu Ende, bevor es richtig angefangen hat“.

MEDICA.de; Quelle: Eberhard Karls Universität Tübingen