Man kennt das aus Filmen – oder auch aus der bitteren Realität: „Wie lange habe ich noch zu leben, Herr Doktor?“ fragt der todkranke Patient. Und der Herr in Weiß antwortet mit wissenschaftlich-ernster Miene: „Noch etwa drei Monate“. Tatsächlich ist die Frage nach der Prognose eine der wichtigsten, die immer wieder gestellt wird. Mediziner haben sich jetzt die interessante Frage gestellt, wie sicher und zutreffend eigentlich die Prognosen ihrer Kollegen zur Überlebenszeit eines todkranken Patienten sind.

216 Patienten nahmen an dieser Studie teil. Alle hatten sich wegen einer palliativen Radiotherapie in Behandlung begeben, waren also im therapeutischen Sinne „austherapiert“, das heißt: im Endstadium einer unheilbaren Erkrankung. Die Studienleiter baten zwei Ärzte, alle Patienten in Bezug auf ihre vermutete restliche Überlebenszeit in eine von drei Kategorien einzustufen: weniger als einen Monat zu leben, zwischen einem und sechs Monaten und länger als sechs Monate. Auch Tumorexperten beurteilten die Patienten in dieser Hinsicht.

Sechs Monate später zog man Bilanz: Arzt A und Arzt B sowie die Tumorexperten hatten in 61, 55 beziehungsweise 63 Prozent der Fälle richtig gelegen mit ihrer Überlebensprognose. Als man diese Schätzungen näher analysierte, zeigten sich interessante Ergebnisse: Wenn die Ärzte mit ihrer Prognose daneben lagen, dann hatten sie die Überlebenszeit in der Regel zu optimistisch, nur selten schlechter eingeschätzt als tatsächlich eingetreten. Und: Mit steigender Erfahrung und Professionalität der Ärzte werden die Prognosen keineswegs richtiger. Bei 96, 71 beziehungsweise 87 Prozent jener Patienten, die innerhalb eines Monats starben, hatten die Ärzte eine längere Überlebenszeit für wahrscheinlich gehalten.

Die Studienleiter warnen also davor, bei Todkranken genaue Prognosen über die restliche Lebenszeit abzugeben. Eher solle man bei seinen Einschätzungen vage bleiben.

MEDICA.de; Quelle: Journal of Clinical Oncology 2007, Vol. 25, S. 3313-3320