„Ärzte spielen eine unterschätzte Rolle“

Foto: Modell des Inneren eines menschlichen Körpers.

Lebensrettende Organe sind Mangel-
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Zu wenig, findet auch Günter Kirste, Medizinischer Vorstand der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO). MEDICA.de sprach mit dem Professor über Organengpässe und eventuelle Alternativen.

MEDICA.de: Herr Kirste, besitzen Sie einen Organspendeausweis?

Günter Kirste: Ja, das tue ich.

MEDICA.de: Nur 12 Prozent der Deutschen besitzen einen Organspendeausweis, 80 Prozent allerdings geben eine Bereitschaft an, ihr Organ spenden zu wollen. Wie erklären Sie sich diese Differenz?

Kirste: Nach einer neuen Umfrage sind es inzwischen immerhin schon 16 Prozent, die einen Ausweis bei sich tragen. Aber selbst das ist immer noch zu wenig. Die Differenz entsteht meiner Meinung nach daher, dass die Leute Probleme haben eine solche Entscheidung schriftlich niederzulegen. Man muss aber bei dieser Frage auch bedenken, dass der Ausweis nicht die einzige Möglichkeit ist, den Willen sein Organ zu spenden kund zu tun.

MEDICA.de: Welche Möglichkeiten gibt es noch?

Kirste: Es gibt eine dreigestufte Zustimmung. Die erste Möglichkeit besteht darin einen Organspendeausweis auszufüllen, die zweite Möglichkeit ist, Freunden, Bekannten oder Familienangehörigen seinen Wunsch mitzuteilen und die dritte ist, dass die Familienangehörigen im akuten Fall darüber entscheiden müssen. Also nicht alle gespendeten Organe sind nur auf Organspendeausweise zurückzuführen.

MEDICA.de: In anderen Ländern gibt es die Gesetzesregelung, dass jeder eine Erklärung bei sich tragen muss, wenn er nicht möchte, dass seine Organe nach dem Tod entnommen werden, die Widerspruchsregelung. Sollte man nicht auch die deutschen Gesetze in diese Richtung ändern und die hier vorhandene Zustimmungslösung abschaffen?

Kirste: Der deutsche Ethikrat befürwortet diese Möglichkeit, ich bin allerdings der Meinung, dass diese Methode nicht besonders zielführend ist. Denn auch da finden Gespräche mit den Angehörigen statt.

MEDICA.de: Welche Rolle spielen die Ärzte, wenn es um Organengpässe geht?

Kirste: Eine sehr große und unterschätzte. Die Bereitschaft der Krankenhäuser potenzielle Organspender zu melden, ist viel zu gering. Das wiederum liegt daran, dass die Krankenhäuser überlastet sind und der Aufwand sowie damit verbundene Kosten als viel zu hoch empfunden werden.

MEDICA.de: Wäre es eine Lösung in jedem Krankenhaus einen Transplantationsbeauftragten zu haben?

Kirste: Das wäre eine gute Möglichkeit, allerdings müssten die Voraussetzungen für einen flächendeckenden Einsatz verändert werden.

MEDICA.de: In wie fern?

Kirste: Diejenigen, die als Transplantationsbeauftragte eingesetzt werden, müssten von ihren anderen Tätigkeiten freigestellt werden. Das Geld hierfür wird allerdings nicht zur Verfügung gestellt, was meiner Meinung nach ein Unding ist. Man muss sich mal vorstellen, dass Deutschland im Europäischen Vergleich mit der Anzahl der Transplantationsbeauftragten auf einem der letzten Plätze liegt.

MEDICA.de: Gibt es ihrer Meinung nach eine echte Alternativen zu einem Spenderorgan?

Kirste: Echte Alternativen gibt es nicht. Es gibt verschiedene Ansätze, die aber ein Spenderorgan noch nicht ersetzen können. Betrachtet man die so genannte Xenotransplantation, also die Hilfe durch artfremde Organe. Dazu fällt mir das Zitat eines schlauen Menschen ein, der gesagt hat, dies ist eine Methode für die Zukunft und wird es auch immer bleiben. Die schwierigen Fragen von ungeklärten Infektionen, der Übertragung von tierischen Viren, die man eventuell noch gar nicht kennt ist ein zu hohes Risiko, als dass es eine echte Alternative darstellen könnte. Und auch künstliche Organe sind beim jetzigen Stand der Forschungen keine dauerhafte Alternative.

Das Interview führte Kathrin Burghof.
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