„Alter ist nicht sehr sexy“

Foto: Ältere Frau im Rollstuhl mit Pflegerin

Die Deutschen werden immer älter,
aber Altersmediziner gibt es kaum;
© Hemera

MEDICA.de sprach mit Professor Thomas Klie, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie e.V. darüber, wie wichtig Altersmediziner sind, warum die Geriatrie in Deutschland ein Stiefkind ist und was wir von den Italienern über den Umgang mit dem Alter lernen können.


MEDICA.de: Herr Klie, warum brauchen wir Geriater?

Thomas Klie: Nicht alle älteren Menschen brauchen einen Geriater. Wir brauchen aber eine Geriatrie, die sich mit den altersbedingten Faktoren von Gesundheit und Krankheit befasst. Mit dem zunehmenden Lebensalter ändern sich Struktur und Funktion des menschlichen Organismus. Ein Kennzeichen des Alters ist die Multimorbidität, also das Bestehen mehrerer Krankheiten bei einer Person. Sehschwäche, Bluthochdruck, Diabetes, Osteoporose: Wenn sie zusammentreffen, verlangen sie zum Teil ganz spezielle Formen der Behandlung. Besonders wichtig ist der Aspekt der Prävention und Rehabilitation. Der Geriater identifiziert Risikopatienten und kann mit ihnen auf eine gesündere Lebensführung hinarbeiten. Das ist ökonomisch sinnvoll, weil es Behandlungskosten spart, aber auch die Lebensqualität der Patienten erhöht sich.

MEDICA.de: Würden nicht spezielle Zentren ausreichen, in denen sich verschiedene Fachärzte gemeinsam um die Behandlung alter Menschen kümmern?

Klie: Nein, das reicht nicht aus, denn Fachärzten fehlt häufig spezielles Wissen zum Alter. Viele Medikamente wirken bei 80-Jährigen anders als bei 40-Jährigen. Allerdings ist das ein Aspekt, den sogar die Forschung vernachlässigt.

MEDICA.de: Ist Deutschland denn auf den demographischen Wandel vorbereitet?

Klie: Nein. Die Altersmedizin ist bei uns eine vernachlässigte Disziplin. Es gibt nur zwei ordentliche Lehrstühle für Geriatrie: An der Universität Nürnberg und an der Universität Bochum plus vier Stiftungslehrstühle. Zum Vergleich: In Italien gibt es 61 Lehrstühle. Auch fehlt es an einem überzeugenden Weiterbildungskonzept. Deutschland kennt keinen Facharzt für Geriatrie, sondern nur eine fakultative Weiterbildung und eine Zusatzbezeichnung Geriatrie. Dabei finden sich noch große Unterschiede zwischen den Bundesländern. In seinem ganzen Ausmaß haben wir den demografischen Wandel politisch, insbesondere auch gesundheitspolitisch, noch nicht als Herausforderung angenommen.

MEDICA.de: Woran liegt das?

Klie: Die Einzelfächer in der Medizin, sei es die Innere, sei es die Psychiatrie, sind sehr mächtig und verteidigen auch ihre Domänen. Jeder Arzt vertritt also sein eigenes Fach. Da der Geriater fächerübergreifend behandelt, wird er von vielen Fachärzten als Konkurrenz gesehen, denn ein Teil der Patientengruppe überschneidet sich. Interdisziplinarität, das gilt für die gesamte Gerontologie und Geriatrie, wird in der Wissenschafts- und Forschungspolitik ebenso vernachlässigt wie in der Gesundheits- und Sozialpolitik. Das macht es so schwer, Fördergelder für interdisziplinär angelegte Forschungsprojekte zu erhalten.

MEDICA.de: Welche Gründe gibt es noch?

Klie: Das hat auch mit Werten in unserer Gesellschaft und mit unserer Kultur zu tun. Alter ist nicht sehr sexy. In Deutschland ist die Medizin immer noch stark kurativ ausgerichtet und bei 80-Jährigen ist die Wahrscheinlichkeit der Heilung ganz anders zu beurteilen als bei 40-Jährigen. Da müssen wir umdenken.

MEDICA.de: Sind uns die Italiener da einen Schritt voraus?

Klie: In mancher Hinsicht ist das richtig. Es ist ihnen immerhin in guter Weise gelungen, der Geriatrie einen festen Platz in der medizinischen Versorgung einzuräumen. Wenn wir international anschlussfähig bleiben wollen, müssen wir uns auch in diese Richtung bewegen.


Das Interview führte Simone Heimann.
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