„Das sind fließende Übergänge“ – Dr. Christian Heisel über Frauenknieprothesen

MEDICA.de: Dr. Heisel, unterscheiden sich die Gelenke von Frauen und Männern?

Dr. Christian Heisel: Es gibt natürlich gewisse Unterschiede in der Anatomie, die man messen kann. Es gibt geschlechtsspezifische Winkel und Abmessungen im Knie, Frauenbecken sind breiter und daher unterscheidet sich die Biomechanik des Hüftgelenks zwischen den Geschlechtern.

MEDICA.de: Wurden denn eher Männer oder Frauen als Vorbild bei der Entwicklung von zum Beispiel Knieprothesen genommen?

Heisel: Es gibt jetzt seit über 20 Jahren Knieprothesen und ich glaube, dass das einfach Mischuntersuchungen waren. Die Situation heute ist, dass Firmen immer ein Design herstellen und das gibt es dann in verschiedenen Größen.

MEDICA.de: Es bestehen also gewisse Gelenkunterschiede zwischen Männern und Frauen, aber sind die auch größer als zum Beispiel zwischen einer kleinen und einer großen Frau, einer mit einem schmalem und sehr breitem Becken?

Heisel: Meiner Meinung nach nein. Das sind fließende Übergänge zwischen einzelnen Individuen. Man kann sich zum Beispiel nicht eine Röntgenaufnahme eines Knies angucken und danach sagen, ob es zu einem Mann oder einer Frau gehört.

MEDICA.de: Es gibt nun aber Knieprothesen, die speziell an die Bedürfnisse der Frau angepasst wurden. Macht das Sinn?

Heisel: Ich denke, dass daraus einfach nur ein Riesenmarketing gemacht wird. Wenn man sich nämlich die Ergebnisse bisheriger Knieprothesen anschaut, müssten Frauen dabei schlechter abschneiden. Das ist nicht so.

MEDICA.de: Brauchen wir denn künstliche Hüftgelenke für Frauen?

Heisel: Nein. Es gibt bei künstlichen Hüftgelenken sehr viele unterschiedliche Ausführungen – es ist absolut nicht notwendig.

MEDICA.de: Gäbe es denn theoretisch andere Gelenke, bei denen geschlechtsspezifische Prothesen Sinn machen würden?

Heisel: Nein, solche Überlegungen gibt es ernsthaft eigentlich auch nicht. Hauptziele in der Zukunft für die Medizin sollten Prothesen sein, die besser verankert werden können, die weniger verschleißen und nicht brechen und immer länger halten.

MEDICA.de: Wo wird der Trend bei Gelenkprothesen hingehen? Die individuelle Prothese für jedermann – egal welches Alter, egal welches Geschlecht?

Heisel: Das wäre vorstellbar, aber ich weiß nicht, ob es notwendig wäre. Die Kosten wären zu hoch und der Nutzen zu niedrig. Die Prothesen werden ja sowieso immer modularer und sind daher individueller zusammensetzbar.

Wiebke Heiss
MEDICA.de