„Die Bauchwand ist aufgebaut wie Bienenstich“

Foto: Fettleibige Frau

Nach Erreichen des Zielgewichts
werden die Fettschürzen entfernt;
© Adipositas-Zentrum Karlsruhe

MEDICA.de sprach mit Dr. med. Jürgen Hermann Reus, dem Gründer des Adipositas-Zentrum Karlsruhe über einen solchen Eingriff. Reus ist Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie und Mitglied in der DGPRÄC.

MEDICA.de: Herr Dr. Reus, wie groß ist der psychische Leidensdruck Ihrer Patienten?

Dr. Reus: Sehr groß, denn die meisten Patienten empfinden die zurückgebliebenen Hautfettlappen nach der Gewichtsabnahme genauso störend wie das Übergewicht selbst. Probleme im Bereich Partnerschaft, Sexualität oder Sport sind vorprogrammiert. Und da man die zurückgebliebene Fettschürze nach einer Gewichtsabnahme von 50 bis 70 Kilo und mehr nicht einfach durch Sport wegtrainieren kann, sehen viele Patienten in einer Plastisch Chirurgischen Operation das Licht am Ende des Tunnels.

MEDICA.de: Wie läuft so eine OP ab?

Dr. Reus: Der Eingriff selbst findet stationär unter Vollnarkose statt. Zunächst wird der Patient in Rückenlage auf einen OP-Tisch gelegt und steril abgedeckt. Bei der Abdominoplastik, also der Bauchdeckenstraffung, geht man wie folgt vor: Die Fettschürze, das heißt, die herunterhängenden Hautlappen, wird beispielsweise mit einem Kran zuerst angehoben, damit das Blut zurück in den Körper fließt. Danach werden die Hautfettlappen entfernt. Die Bauchwandmuskeln werden oft durch die Gewichtszunahme in Mitleidenschaft gezogen. Bei einer Schwangerschaft passiert dies in ähnlicher Form. Die Bauchwand ist aufgebaut wie Bienenstich: Obenauf ist die Haut, darunter liegt das Fett und darunter die Muskeln. Um diese zu straffen, wird zunächst die Bauchhaut zwischen den beiden Beckenknochen geöffnet. Anschließend wird der Überschuss entfernt und der Nabel neu eingesetzt. Bei Bedarf werden die Bindegewebs- und Muskelanteile zusammengerafft. Wenn es nötig ist, können auch noch andere Körperteile wie Arme, Beine, Brust oder das Gesäß gestrafft werden. Nach der OP muss der Patient mit einem Klinikaufenthalt von vier bis zehn Tagen rechnen und sechs bis acht Wochen Kompressionsmieder tragen. In dieser Zeit sollte er körperliche Anstrengung und Sport meiden.


MEDICA.de: Wie lange dauert so eine Operation?

Dr. Reus: Das ist unterschiedlich. Teilkörperstraffungen können zwei bis vier Stunden dauern. Beim Bodylift werden beispielsweise mehrere Körperstraffungen in einer Operation durchgeführt. Dann kann die OP auch rund sechs Stunden dauern. Allerdings ist das dann für den Patienten sehr anstrengend. In der Regel werden mindestens zwei Operationen gemacht. Damit die Wunden gut verheilen können, sollte man mit dem Folgeeingriff mindestens sechs Monate warten.

MEDICA.de: Welche Risiken bestehen für den Patienten während und nach der OP?

Dr. Reus: Adipöse Patienten haben oft Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes. Dadurch ist auch das Risiko von Komplikationen bei einer Operation schon von vornherein erhöht. Da solch eine Operation auch mit Blutverlusten verbunden sein kann, ist eine Bluttransfusion nicht ausgeschlossen. Nach der Operation können Wundheilungsstörungen auftreten. Das Infektionsrisiko bei einer solch erheblichen Wundfläche ist stets in Verbindung mit den wesentlichen Vorerkrankungen zu sehen.

MEDICA.de: Gibt es Patienten, denen Sie von solchen OPs abraten?

Dr. Reus: Ja, und das habe ich auch schon häufiger so gemacht. Es gibt Menschen, die mit falschen Erwartungen kommen. So eine Operation verbessert zwar die Lebensqualität erheblich, aber der Patient muss sich im Klaren darüber sein, dass Narben zurückbleiben und er auch nach so einem Eingriff keine Model-Figur haben wird. In anderen Fällen habe ich den Patienten auch schon geraten, noch ein paar Kilo mehr abzunehmen, damit der Eingriff Sinn macht. Erst wenn das Zielgewicht erreicht ist, sollte die Operation erfolgen. Wichtig für den Eingriff sind natürlich auch die gesundheitlichen Voraussetzungen, die der Patient erfüllen muss.

MEDICA.de: Seit wann gibt es solche Wiederherstellungs-Operationen eigentlich?

Dr. Reus: Die gibt es schon seit den frühen 60er Jahren in einer Form, wie sie heute praktiziert werden.

MEDICA.de: Was sollte ein Patient bei der Arztwahl beachten?

Dr. Reus: Er soll darauf achten, dass der Arzt die Bezeichnung „Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie“ trägt. An dieser Bezeichnung erkennt man, dass er eine sechsjährige Fachausbildung absolviert hat. Andere Bezeichnungen kann man sich auch zulegen, wenn man sich auf diesem Gebiet autodidaktisch weitergebildet hat. In Deutschland darf grundsätzlich jeder Arzt jede Art von Operation durchführen. Kommt es zum Schadensfall, so gerät jeder Arzt, der für den jeweiligen Eingriff keine Facharztqualifikation trägt, in existenzielle Probleme. Die jeweiligen Berufsverbände unterstützen dieses Vorgehen.

MEDICA.de: Übernehmen die Krankenkassen die Kosten?

Dr. Reus: Dazu gibt es folgende Regelung. Die Folgezustände der Adipositas nach einer Gewichtsreduktion werden von den Krankenkassen nicht grundsätzlich als Erkrankung angesehen. Nach einer Prüfung des Einzelfalls entscheiden die Kassen und Versicherungen, die Kosten zu übernehmen. Im Falle der Ablehnung durch den Kostenträger muss der Patient privat zahlen und mit Summen zwischen 3000 und 5000 Euro rechnen.

Simone Heimann
MEDICA.de