„Die Betroffenen erkranken jünger“

Foto: Frau um die 50 Jahre spaziert im Wald

Noch nicht alt, nicht mehr jung: Die
körperliche und seelische Umstel-
lung in der Menopause ist schwierig;
© Rainer Sturm/Pixelio.de

Wilhelm Braendle, Professor in der Abteilung gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf, und Kollegen untersuchten die Daten von 10.000 Frauen. MEDICA.de sprach mit dem Mediziner über die Ergebnisse seiner Studie, den Einfluss von Östrogen und Gestagen und den sensiblen Umgang damit.

MEDICA.de: Herr Braendle, vor einigen Jahren schlugen zwei Studien aus Großbritannien und den USA große Wellen: Sie hatten ein signifikant erhöhtes Brustkrebsrisiko durch Hormonersatztherapien festgestellt. In Deutschland gab es aber auch Kritik an der Studie: Hier würden Gynäkologen andere Mengen und Hormone verschreiben und daher seien die Ergebnisse auf Deutschland nicht anwendbar. Sie haben das daher noch einmal genauer untersucht. Gibt es Entwarnung in Deutschland?

Wilhelm Braendle: Nein, Entwarnung kann man nicht sagen. Wir haben ebenfalls befunden, dass bei Einnahmen von Hormonen die Inzidenz von Brustkrebs ansteigt. Bei Langzeiteinnahme ist das Risiko deutlich erhöht. Darüber müssen die Frauen aufgeklärt werden, denn etwa die Hälfte aller Frauen in den Wechseljahren nehmen Zusatzhormone ein.

MEDICA.de: Sie behaupten, dass sich das Brustkrebsrisiko nur dann erhöht, wenn die Hormonersatztherapie fünf Jahre oder länger dauert.

Braendle: Nach fünf Jahren ist das Risiko signifikant höher, davor nicht. Es ist aber so, dass das Risiko immer weiter ansteigt je länger man die Hormone einnimmt. Wir haben die Zunahme pro Jahr errechnet: Das Risiko steigt bei Östrogen pro Jahr um ein Prozent, bei einer kontinuierlich kombinierten Östrogen-Gestagen Therapie dagegen um fünf Prozent pro Jahr.

MEDICA.de: Sie haben in der Studie ebenfalls festgestellt, dass das Brustkrebsrisiko fünf Jahre nach Beendigung der Hormonersatztherapie wieder auf das Ausgangsniveau sinkt. Warum?

Braendle: Wir glauben, dass wir durch die Hormone das Tumorwachstum beeinflussen. Latente Tumore, also Krebszelle, die schon im Körper vorhanden, aber noch nicht sichtbar sind, werden durch die Hormone zu einem schnelleren Wachstum angeregt. Setzt man die Hormone ab, dann wird das Wachstum nicht mehr angeregt und die Tumore wachsen wieder langsamer.

MEDICA.de: Das heißt, dass die Hormone nicht Schuld sind, dass sich Tumore im Körper bilden?

Braendle: Genau. Die Krebszellen sind schon in der Brust, die Tumore würden ohne Hormone nur erst später ausbrechen. Man kann da allerdings keine genauen Zeiträume festlegen.

MEDICA.de: Hormonersatztherapien müssen individuell auf die Patientinnen zugeschnitten werden, es gibt zum Beispiel keine empfohlene Dauer. Entspricht dann eine Dauer von fünf Jahren der Realität?

Braendle: Ja, auf jeden Fall. Bei den meisten Frauen ziehen sich die Beschwerden über vier bis fünf Jahre hinweg, und sie nehmen die ganze Zeit über Hormone. Einnahmen nur über wenige Wochen kommen dagegen fast nie vor.

MEDICA.de: Warum wirkt eine Östrogen-Monotherapie, die das Risiko zu erkranken weniger steigert, anders als eine Östrogen-Gestagen-Therapie?

Braendle: Das können wir noch nicht sagen. Wir wissen, dass es generell Unterschiede gibt. Auf die Brust wirken Gestagene zum Beispiel auch anders als auf die Gebärmutterschleimhaut: Da verhindert Gestagen Krebs. Das analysieren wir aber alles erst noch. Definitiv ist der Unterschied noch nicht geklärt.

MEDICA.de: Nach den Studien aus den USA und Großbritannien war es zu einem starken Rückgang von Hormonersatztherapien in den USA gekommen und parallel dazu tatsächlich zu einem Rückgang von Brustkrebs.

Braendle: Das ist weltweit geschehen, nicht nur in den USA! Auch in Deutschland. Wir vermuten aber nach unseren Ergebnissen, dass die Zahl der Mammakarzinome auch wieder steigen wird: Es handelt sich um eine Verschiebung, denn Tumore wachsen ja trotzdem weiter, auch ohne Hormone, nur eben viel langsamer. Über einen ganz langen Zeitraum gesehen verändert sich die Zahl der an Brustkrebs Erkrankten also nicht. Es erkranken nicht mehr Frauen durch die Hormonersatztherapie an Brustkrebs als ohne, sondern die Betroffenen erkranken jünger.

MEDICA.de: Was raten Sie nun Frauen mit starken Beschwerden in den Wechseljahren?

Braendle: Ich würde sie über die Vorteile und Risiken informieren. Die Frau muss dann selbst entscheiden, ob sie das vorhandene relativ geringe, aber durchaus signifikante Risiko in Kauf nehmen will. Man kann auch nicht jeder Frau eine Östrogen-Therapie verschreiben, nur weil hier das Risiko geringer ist. Die Therapieform richtet sich nach individuellen Gesichtspunkten. Frauen ohne Gebärmutter sollten tendenziell eher Östrogene nehmen, solche mit Gebärmutter dagegen auch Gestagene, da diese gegen Gebärmutterkrebs schützen.

MEDICA.de: Sie geben keine Entwarnung in Deutschland. Heißt das: keine Hormonersatztherapien mehr?

Braendle: Nein, so sollte das Ergebnis unserer Studie auf keinen Fall interpretiert werden. Frauen sollten die Hormone, für die sie sich entschieden haben, einnehmen, aber nach regelmäßigen Abständen überprüfen, ob sie noch notwendig sind und so bald wie möglich absetzen. Bei kürzeren Zeiträumen wie zwei Jahren sollten sie sich im Prinzip keine Sorgen machen.

Das Interview führte Anke Barth.
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