„Die Umwelt nimmt immer Einfluss auf die Gesundheit“

Foto: Baby beim Stillen

Stillen schützt vor Typ-1-Diabetes;
© Hilde Vogtländer/Pixelio.de

MEDICA.de sprach mit Professor Wieland Kiess, Direktor der Universitätsklinik und Poliklinik für Kinder und Jugendliche in Leipzig darüber, was man bisher über Typ-1-Diabetes und Umwelteinflüsse weiß.



MEDICA.de: Herr Professor Kiess, beeinflussen Umweltfaktoren das Risiko, an Typ-1-Diabetes zu erkranken, wenn schon Risikogene für Diabetes vorliegen?

Kiess: Möglicherweise. Über dieses Thema wird seit Jahren heftig diskutiert. Die Umwelt nimmt immer Einfluss auf die Gesundheit. Inzwischen gibt es Hinweise darauf, dass Umwelteinflüsse auch bei der Entwicklung von Typ-1-Diabetes eine Rolle spielen.

MEDICA.de: Was für Einflüsse sind das?

Kiess: Als sicher gilt, dass Kuhmilchproteine einen entscheidenden Einfluss haben. Wenn Mütter ihre Kinder weniger als sechs Monate lang stillen und früh auf Kuhmilch umstellen, haben diese Kinder ein erhöhtes Risiko, an Typ-1-Diabetes zu erkranken. Es wird aber auch angenommen, dass Viren in diesem Zusammenhang von Bedeutung sind, wie zum Beispiel das Coxsackie-Virus, das die Abwehrkräfte schwächt und Atemwegserkrankungen verursachen kann. Weiterhin vermuten Forscher einen Einfluss von Rötelviren. Aber auch eine kalorienreiche Ernährung oder Umweltgifte wie Nitrosamine werden diskutiert.

MEDICA.de: Sie sprechen häufig von Vermutungen. Gibt es auch Studien dazu?

Kiess: Ja, sowohl Untersuchungen auf dem Gebiet der experimentellen Forschung als auch Kohortenstudien. Es wird weltweit geforscht, in Europa vor allem im skandinavischen Raum. Allerdings sind die Ergebnisse vorsichtig zu interpretieren. Experimente an Mäusen zeigten zwar einen positiven Zusammenhang von Coxsackie-Viren und Diabetes, aber nicht jedes Kind erkrankt daran, nur weil es mal Husten oder Schnupfen hat. Die Erkenntnisse, die uns vorliegen, liefern lediglich Hinweise darauf, dass Umweltfaktoren Typ-1-Diabetes beeinflussen können und sind als Mosaiksteinchen zu verstehen. Außer der Erkenntnis zum Stillen gibt es keine eindeutigen Beweise. Eine Untersuchung an Mäusen, denen man Nitrosamine ins Trinkwasser gab, zeigte zwar, dass diese Tiere Diabetes bekamen, aber so leicht lässt sich das Ergebnis nicht auf den Menschen übertragen. In Deutschland forscht unter anderem das Institut für Diabetesforschung in München viel auf diesem Gebiet. Es ist auch an der aktuellen, international angelegten TEDDY-Studie beteiligt, die die umweltbedingten Ursachen des Diabetes bei Kindern aufdecken soll.

MEDICA.de: Und wie genau zerstören Einflüsse aus der Umwelt Insulin produzierende Betazellen in der Bauchspeicheldrüse, wie es bei Typ-1-Diabetes der Fall ist? Wie soll so ein Mechanismus aussehen?

Kiess: Umwelteinflüsse lösen eine Autoimmunerkrankung aus. Am Beispiel Kuhmilch sieht das so aus: Mit der Milch werden dem Kind Fremdeiweiße zugeführt. Dagegen bildet der Körper Antikörper, die sich aber nicht gegen den „Eindringling“, sondern in diesem Falle gegen die Insulin produzierenden Betazellen in der Bauchspeicheldrüse richten. Ähnliches geschieht bei Viren. Ähnelt ein Virus der Inselzelle, so werden Antikörper gebildet, die aber nicht das Virus, sondern die Betazellen zerstören. Und bei einer kalorienreichen Ernährung werden die Inselzellen einfach überlastet.

MEDICA.de: Gibt es einen bestimmten Zeitpunkt, an dem der Körper besonders empfindlich auf bestimmte Umweltfaktoren im Zusammenhang mit Typ-1-Diabetes reagiert?

Kiess: Das ist sehr unterschiedlich. Bekommt eine Frau während der Schwangerschaft Röteln und ist nicht immun, so wirken diese Viren schon im Mutterleib auf die Entwicklung des Kindes. Eine Rötelnembryopathie kann die Folge sein, aber auch Diabetes. Allerdings muss die Krankheit nicht sofort nach der Geburt ausbrechen, sondern kann sich erst im Jugendalter bemerkbar machen. Geht man davon aus, dass Kuhmilch der auslösende Faktor ist, dann sind die den Diabetes fördernden Einflüsse im Säuglingsalter anzusetzen.

MEDICA.de: Kann die Umwelt auch Typ-1-Diabetes bei Menschen auslösen, die keine Risikogene besitzen?

Kiess: Im Prinzip schon, aber das sind Einzelfälle, wie zum Beispiel bei Rötelviren in der Schwangerschaft. In der Regel ist Typ-1-Diabetes eine Krankheit, die durch das Zusammenspiel von Risikogenen und der Umwelt bestimmt wird.

MEDICA.de: Kann man sich denn vor Typ-1-Diabetes, der von der Umwelt ausgelöst wurde, schützen?

Kiess: Um diese Frage beantworten zu können, sind weitere Forschungen unerlässlich. Eine Stillzeit von mindestens sechs Monaten ist sicher ratsam. Ein anderer Präventionsansatz sah die Verabreichung von Nicotinamid vor. Durch den Einsatz dieses Stoffes erhofften sich die Forscher, die Inselzellen vor der Zerstörung zu schützen. Doch leider konnten weder in der europäisch-kanadischen Interventionsstudie ENDIT noch in der deutschen DENIS-Studie signifikante Ergebnisse verzeichnet werden. Mein Rat ist immer: Bewegung, frische Luft und viel Wasser trinken.

Simone Heimann
MEDICA.de