„Es werden kleine Knochenstege gesprengt“

Foto: Nase riecht an Pflanze

Der Ballonkatheter ist schonend,
aber nicht für jede Nase geeignet
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MEDICA.de sprach mit Professor Dr. Jochen Werner, Direktor der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde am Universitätsklinikum Gießen und Marburg über die Ballon-Sinuplastik und an welche Grenzen die neue Methode stößt.

MEDICA.de: Herr Werner, was ist an der Ballon-Sinuplastik anders als an einer konventionellen Operation?

Jochen Werner: Der natürliche Weg der Nasennebenhöhlen soll geweitet werden, ohne dabei die Schleimhaut zu zerstören. Wird die Schleimhaut nämlich zerstört, können andere Komplikationen wie Verwachsungen auftreten. Diese Gefahr besteht bei einer konventionellen Operation. Das Ziel der Ballon-Sinuplastik ist es, die Belüftung der Nasennebenhöhlen schonender zu verbessern.

MEDICA.de: Und wie funktioniert das?

Werner: Der HNO-Arzt führt einen Ballonkatheter zum Beispiel in die Stirnhöhle. Dieser Ballon ist mit einem Kontrastmittel gefüllt und wird unter Röntgenkontrolle an der verengten Stelle platziert und aufgepumpt. Der Arzt verfolgt den Prozess am Monitor. Es werden kleine Knochenstege gesprengt, die Nasenschleimhaut wird aber nicht verletzt. Das ist wichtig, weil die Schleimhaut der Nase ein Sekret produziert, das aus den Höhlen in den Nasen-Rachenraum abtransportiert wird. Dadurch wird der Hohlraum gereinigt. Ist der Weg verstopft, staut sich das Sekret in der Höhle. Viren und Bakterien können sich ansammeln und eine Entzündung verursachen. Mit der Ballon-Sinuplastik können die Kanäle also geweitet werden, damit das Sekret wieder abfließt. Narben entstehen dabei in der Regel nicht. Und wenn doch, dann weniger als nach klassischer Chirurgie.

MEDICA.de: Wer soll von der Methode profitieren?

Werner: Patienten mit einer chronischen Nasennebenhöhlen-Entzündung. Wenn keine Behandlung erfolgt, können ernsthafte Folgen auftreten. Sind zudem Polypen vorhanden, kann der Geruchssinn komplett verloren gehen. Es gibt auch andere Patienten mit Luftproblemen, die denken, dass eine Weitung ihrer Nasennebenhöhlen die Lösung des Problems sei. Die Annahme ist aber falsch, denn bei Luftproblemen sind in der Regel die Nasenmuscheln vergrößert und dann muss sich der Patient einem konventionellen Eingriff unterziehen. Auch bei einer Nasenscheidewandverbiegung ist eine herkömmliche Operation notwendig. Die Ballon-Sinuplastik ist also nur für ausgewählte Patienten mit Nasennebenhöhlenproblemen geeignet.

MEDICA.de: Welche Vorteile hat der Patient mit einer Ballon-Sinuplastik?

Werner: Vorteile sind ganz klar, dass die Nasenschleimhaut geschont wird und die Wunde weniger blutet. Außerdem ist die Nachbehandlung weniger aufwändig als nach einem konventionellen Eingriff. Die Ballon-Sinuplastik wird teilweise ambulant durchgeführt. Der Patient kann oft noch am selben Tag nach Hause und hat kaum Schmerzen. Aber auch die konventionelle Chirurgie ist nicht mehr wegzudenken, weil es dort ständig Fortschritte gibt und die Komplikationen inzwischen geringer sind. Als Stichwort ist hier die minimal-invasive Operationstechnik zu nennen.

MEDICA.de: Aber Nachteile gibt es sicherlich auch.

Werner: Da das Verfahren noch sehr neu ist, sind uns bisher nur wenige Nachteile bekannt. Die Röntgenstrahlung ist sicher ein negativer Aspekt. Es wird allerdings an einer neuen Technologie gearbeitet, bei der man in Zukunft auf Röntgenstrahlen verzichten könnte. Ein weiterer Nachteil sind die Kosten. Eine Behandlung reicht zwar aus, aber sie kostet um die 2000 Euro an Material. Die gesetzlichen Kassen übernehmen das nicht.

MEDICA.de: Kann man auch beweisen, dass die Ballon-Sinuplastik wirkt?

Werner: Seit 2006 wird die Methode in den USA angewendet. Studien zufolge sind viele Patienten damit erfolgreich behandelt worden. Allerdings sind die Studien mit einer gewissen Einschränkung zu sehen, da sie nur einen Zeitraum von maximal zwei Jahren angeben. Langzeitstudien gibt es noch nicht. Seit Januar dieses Jahres habe ich selbst etwa 15 Patienten mit dem Ballonkatheter behandelt. Das Verfahren ist in Deutschland noch sehr neu und es gibt nur wenige Kliniken und Praxen, die damit arbeiten.

MEDICA.de: Wann darf ein Arzt die Technik anwenden?

Werner: Er muss ein erfahrener HNO-Chirurg sein. Der Umgang mit dem Ballonkatheter lässt sich in einem Trainingskurs erlernen, wozu ein Tag ausreicht. Doch oft kommen mehrere Probleme zusammen und die Ärzte müssen nicht nur die Nasennebenhöhlen-Entzündung behandeln, sondern auch die Nasenscheidewand begradigen oder ergänzende Operationen an den Nasennebenhöhlen vornehmen. Und das geht nur mit dem Skalpell und setzt die Erfahrung des Arztes voraus.

MEDICA.de: Was muss an der Ballon-Sinuplastik noch besser werden?

Werner: Wir müssen abwarten, was die Ergebnisse aus Langzeitstudien zeigen. Erst dann kann man diese Frage wirklich beantworten. Ich denke, dass sich das Verfahren in Kombination mit der konventionellen Chirurgie zukünftig etablieren wird.

Das Interview führte Simone Heimann
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