„Technik soll und kann das Personal nicht ersetzen“

Foto: Frau hält im Bad Fernbedienung in der Hand

Keine Angst vor technischen
Geräten; © Messe Düsseldorf

MEDICA.de sprach mit Udo Gaden, Geschäftsführer der Ambient Assisted Living GmbH, über das Förderprogramm „Ambient Assisted Living“ der Europäischen Union, bei dem es unter anderem um Bettmatratzen und Herde geht, die Alarm auslösen können.

MEDICA.de: Herr Gaden, frei übersetzt bedeutet Ambient Assisted Living (AAL) „Altersgerechte Assistenzsysteme für ein gesundes und unabhängiges Leben“. Was soll mit dem Projekt erreicht werden?

Gaden: Man will im praktischen Alltag herausfinden, wo man verfügbare Technologien anwenden kann, die es bereits heute Menschen mit Assistenzbedarf ermöglichen können, länger selbständig zu wohnen – vor allem in ihrem Zuhause. Darüber hinaus soll erforscht werden, wie vorhandene technische Lösungen an die konkreten Bedarfe behinderter und alter Menschen angepasst werden müssen und wo neue Technologien gebraucht werden.

MEDICA.de: Immer mehr Technik soll Menschen Selbständigkeit gewährleisten. Bleibt da nicht die persönliche Ebene auf der Strecke?

Gaden: Wenn man Technik in Pflege- und Betreuungsprozesse einbringen möchte, stehen die Betroffenen selbst, Angehörige sowie Betreuungs- und Pflegekräfte dieser Idee häufig zunächst skeptisch gegenüber. In einer durch menschliche Zuwendung geprägten Begleitung hilfebedürftiger Menschen sehen sie Technik eher als kühl an. Diese Skepsis löst sich jedoch meist auf, wenn sie praxistaugliche technische Lösungen kennen lernen. Technik soll und kann Personal nicht vollständig ersetzen, denn die Versorgungsqualität wird immer an der menschlichen Zuwendung hängen. Aber das Personal wird immer weniger Zeit haben, weil es zukünftig immer weniger Pflegepersonal bei gleichzeitig steigender Zahl unterstützungsbedürftiger Menschen geben wird. Pflege- und Betreuungskräfte sollen aber weiterhin ihre Arbeit gut machen können. Dabei kann Technik Pflege- und Betreuungskräfte unterstützen.

MEDICA.de: Welche Art von Technik ist das?

Gaden: Das sind Technologien aus den Bereichen Telemedizin und Kommunikation. Meist sind es Geräte, die Zusatzfunktionen haben und warnen können. Beispielsweise eine Matratze, die bei epileptischen Anfällen über ein angeschlossenes Notrufsystem Helfer auch über Handy alarmieren kann. Oder eine Sensorleuchte unter einem Bett, die automatisch das Licht einschaltet und dabei ein Signal an eine Unterstützungsperson senden kann, wenn beispielsweise ein sturzgefährdeter Mensch nachts aufsteht. Zu nennen sind auch Sturzmeldungen, die auf Notsituationen aufmerksam machen können.

MEDICA.de: Was kann damit erreicht werden?

Gaden: In der Zukunft wird man in der Lage sein, von einem Pflegestützpunkt in einem Wohngebiet aus zu erkennen, ob es den unterstützungsbedürftigen Menschen gut geht. Unterstützung wird sich am konkreten zeitlichen Bedarf des jeweiligen Hilfeempfängers orientieren und nicht nach dienstorganisatorischen Vorgaben.

MEDICA.de: Moderne Geräte sind ja schön und gut – aber können alte Menschen überhaupt damit umgehen? Viele tun sich mit neuen Techniken etwas schwer.

Gaden: Einige Menschen mögen es tatsächlich nicht, wenn sie Geräte aktiv bedienen müssen. Dementiell erkrankte Personen wollen die Geräte oft auch nicht sehen, weil sie diese aus ihrer gewohnten Umgebung nicht kennen und sie das Neue durcheinander bringt. Es gibt aber Technik, die gar nicht kompliziert ist und nicht im Vordergrund steht. Die Sensorleuchte unter dem Bett mit Alarmfunktion für das Begleitpersonal funktioniert beispielsweise so. Hierbei muss in jedem Fall aber erst einmal genau ermittelt werden, wo es Sinn macht, Technik anzuwenden. Außerdem gibt es noch viel im Bereich des Designs und der Handhabbarkeit technischer Geräte zu tun. Die Gerätehersteller sollten bereits bei der Entwicklung der Geräte die verschiedenen Zielgruppen behinderter und alter Menschen unmittelbar mit einzubeziehen.

MEDICA.de: In Deutschland ist das Thema AAL noch stark im Hintertreffen. Erst allmählich kommt es in der Sozial- und Pflegewirtschaft an. Wo gibt es Vorbilder in Sachen Assistenzsysteme?

Gaden: Ein gutes Beispiel ist der Kreis West Lothian bei Edinburgh in Schottland, der es geschafft hat, mit Hilfe von assistierenden Systemen fast alle Pflegeheime aufzulösen. Mit der Hilfe von Technologien sind die Menschen länger in der Lage weitgehend selbständig in Wohngemeinschaften und betreuten Wohnformen zu leben. Beispielsweise gibt es Sensoren am Herd, die Alarm schlagen, wenn etwas überkocht – der Alarm geht an ein Call-Center, das dann den Bewohner anruft und über einen Lautsprecher daran erinnert, den Herd auszustellen. Sturzmelder informieren über einen möglichen Fall der zu unterstützenden Person. Die durchschnittliche Liegezeit nach Sturz in der Wohnung bis zum Eintreffen der Hilfe hat sich so in West Lothian von 4 Stunden schottlandweit auf 22 Minuten verkürzt.

MEDICA.de: Wie bringen Sie Technologien näher an die Betroffenen heran?

Gaden: Wir veranstalten Workshops mit Fachkräften, in denen wir praktische Anwendungsbeispiele aufzeigen. Dabei stehen die täglichen Anforderungen und Pflegeprozesse im Mittelpunkt. Es geht darum, aus der Perspektive unterstützungsbedürftiger Menschen und des Pflege- und Betreuungspersonals Ansatzpunkte aufzuzeigen, wo Technik das Personal unterstützen und die Selbständigkeit der Hilfeempfänger erhalten und fördern kann.

MEDICA.de: Und setzen die Fachkräfte die technischen Möglichkeiten danach auch praktisch um?

Gaden: Die breite Umsetzung des so ermittelten Nutzens scheitert derzeit noch vielfach an den Regelungen zur Kostenübernahme durch Sozialhilfeträger, die Pflegeversicherung und die Krankenkassen. Hier ist noch viel zu bewegen und ich bin zuversichtlich, dass sich viel bewegen wird, denn Technik in Betreuungs- und Pflegeprozessen wird für alle Beteiligten ein echter Gewinn sein.


Das Gespräch führte Natascha Mörs.
MEDICA.de


Vorträge zum Thema Ambient Assisted Living gibt es auf der MEDICA 2008 bei MEDICA MEDIA