„Wechseljahre“ des Mannes in der Diskussion

Foto: Mann beim Arzt

Männer sind häufiger krank, gehen
aber seltener zum Arzt; © Hemera

Viagra machte es möglich: Erektionsstörungen gehören größtenteils der Vergangenheit an. Seit der Einführung der blauen Pille 1997 verstärkt sich das Interesse an der Andrologie. Gesundheitliche Probleme des Mannes wurden lange Zeit verdrängt, weil sie nicht ins Bild des „starken Geschlechts“ passten. Heute werden sie offen angesprochen. Und der Blick hat sich geweitet. Es geht nicht mehr nur um die erektile Dysfunktion, sondern auch um Störungen der Zeugungsfähigkeit oder Fragen zur männlichen Verhütung. Sogar die Wechseljahre sollen inzwischen den Mann erreicht haben – so liest man es in den Medien. Doch genau genommen ist diese Diskussion nicht so neu, wie sie auf den ersten Blick scheint.

„In den frühen 20er Jahren erklärten Ärzte Gesundheitsbeschwerden des Mannes in der Lebensmitte als Nervenerschöpfung“, erläutert Dr. Hans-Georg Hofer vom Medizinhistorischen Institut der Universität Bonn. Die Diskussion um ein Klimakterium des Mannes, also einen Wendepunkt im Leben, könne man bis in die Antike zurückverfolgen, sagt Hofer. „Von den Wechseljahren als Hormonumstellung spricht man seit gut 70 Jahren“, so der Medizinhistoriker. Das Hormon Testosteron wurde erst in den 30er Jahren entdeckt.

„Men‘ s Health“ statt „Playboy”

Die Gründe für das seit einigen Jahren verstärkte Interesse an Männergesundheit sind unterschiedlich. Professor Theodor Klotz, Klinik für Urologie, Andrologie und Kinderurologie am Klinikum Weiden und Mitglied im Vorstand der „Deutschen Gesellschaft für Mann und Gesundheit e.V.“ spricht von Gesundheitsemanzipation. Der Grund: Das Männerbild hat sich geändert. „40-jährige gehen heute ganz selbstverständlich ins Fitness-Studio.“ Vor 15 Jahren sei das noch anders gewesen. Während durchtrainierte Körper auf der „Men’s Health“ heute als Vorbild dienten, hätten Männer früher eher ein Bier getrunken und im „Playboy“ geblättert.

Es gibt aber auch medizinische Gründe dafür, dass Männergesundheit stärker in den Fokus rückt. „Vor zehn Jahren begann man Widersprüchliches zu beobachten: Obwohl Frauen weitaus häufiger zum Arzt gehen, also augenscheinlich in schlechterer gesundheitlicher Verfassung sind, scheinen Männer anfälliger zu sein“, erklärt Klotz. Studien zeigten nämlich, dass Männer häufiger Krebs haben und im Schnitt sieben Jahre früher sterben als Frauen. Die Erklärung: 40 Prozent der Frauen nehmen Vorsorgemedizin in Anspruch, aber nur 16 Prozent der Männer.

Für die männlichen Wechseljahre interessiert sich auch die Pharmaindustrie. Sie beobachtet das gesellschaftliche Streben nach Jugend und Vitalität – und hofft auf Gewinne. Unternehmen preisen Hormonpräparate als Jungbrunnen für Männer an, mit denen sich angeblich die Zeit zurückdrehen lässt. „Und weil Männer zwischen 50 und 60 eine kaufkräftige Zielgruppe sind und häufig Probleme haben, zu ihrem Alter zu stehen, funktioniert der Markt“, erklärt Hofer.

Hormontherapie ist kein Jungbrunnen

Von männlichen Wechseljahren zu sprechen, ist den meisten Fachleuten aber zu laienhaft. Fakt ist, dass bei vielen Männern zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr der Testosteronspiegel langsam sinkt. Die Folgen können Libidoverlust, depressive Verstimmungen, Muskelschwäche oder verminderte Leistungsfähigkeit sein. „Während jede Frau ins Klimakterium kommt, sind nur rund 20 Prozent der Männer um die 50 von einem nachweisbar schwindenden Hormonabfall betroffen“, erklärt Klotz. Außerdem verlaufe dieser langsam und nicht abrupt, wie bei der Frau. Ein weiterer Unterschied ist, dass die Frau mit den Wechseljahren ihre Fruchtbarkeit verliert, der Mann aber bis ins hohe Alter zeugungsfähig bleibt. Aufgrund dieser Unterschiede sprechen Mediziner lieber von einer Andropause oder dem Partiellen Androgen-Defizitsyndrom beim Alternden Mann (PADAM).

Ob man die hormonelle Veränderung behandeln sollte, ist unter den Experten umstritten. Hofer spricht von einem normalen Alterungsprozess des Mannes. Hormonpräparate könnten daran nichts ändern und seien somit wenig sinnvoll. Klotz hingegen macht die Behandlung von der richtigen Indikation abhängig. „Es gibt Hormonpräparate, die für Männer segensreich sein können.“ Eine Verjüngungskur könnte man mit ihnen zwar nicht erreichen, aber wenn Beschwerden gelindert würden, hätte dies auch Auswirkungen auf das Wohlbefinden. Vielleicht fühle man sich dann jünger, fügt Klotz hinzu. Obwohl ein Hormonmangel mit dem Altern zusammenhänge, könne man ihn trotzdem behandeln. „In der Medizin werden so viele altersbedingte Beschwerden gelindert, das künstliche Hüftgelenk ist ein Beispiel unter vielen. Warum also nicht auch den Hormonmangel der Männer behandeln?“

Vor Missbrauch der Hormonprodukte warnt Klotz, ebenso wie Dr. Ilka Goschütz, Andrologin am Städtischen Klinikum in Görlitz: „In den USA werden solche Produkte oft als Lifestyle-Präparate verkauft. Zum Glück ist das in Deutschland noch nicht so.“ Denn ähnlich wie bei der Hormonersatztherapie für die Frau in den Wechseljahren müssen auch Hormonpräparate für den Mann kritisch betrachtet werden. „Das Risiko, an Prostatakrebs zu erkranken, sollte nicht unterschätzt werden“, erklärt Goschütz. Daher müsste man Wirkung und Nebenwirkung sorgfältig abwägen.

Interesse an Männergesundheit nimmt zu

Das Thema Männergesundheit stößt seit einigen Jahren auf immer größeres Interesse, bestätigt Klotz. „In der ‚Gesellschaft für Mann und Gesundheit e.V.‘ sind mittlerweile über 1000 Kollegen aller Fachrichtungen“, erklärt er. Trotzdem handelt es sich um einen langsamen Prozess. Erst seit Anfang des 21. Jahrhunderts können sich Ärzte zu einem Andrologen weiterbilden. Und lediglich am Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf gibt es einen Lehrstuhl für Männergesundheit – den einzigen in Deutschland.

Simone Heimann
MEDICA.de