Alleskönner Apps?

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Einen Überblick zu aktuellen App-Trends und beispielhafte Anwendungen wird die mit mehr als 4 500 Aussteller aus gut 60 Nationen weltgrößte Medizinmesse MEDICA 2012 in Düsseldorf geben (14. bis 17 November). Dann wird parallel zu den Präsentationen der Aussteller auch der „AppCircus“, ein gemeinsam mit „dotopen“ organisiertes Programmelement im Rahmen des MEDICA HEALTH IT FORUM (vormals MEDICA MEDIA) beweisen, wie lebendig dieser Bereich ist. Beim „AppCircus“ (Informationen online unter: http://appcircus.com) werden innovative Health-„Apps“ von ihren Schaffern präsentiert mit der Zielsetzung, Entwickler, Start-up-Unternehmer und an der Programmentwicklung beteiligte Organisationen zusammenzubringen mit potenziellen Anwendern und Projektpartnern aus dem medizinischen Bereich und seitens der Kostenträger.

Für Prof. Dr. oec. Volker Amelung, Schwerpunktprofessur für Internationale Gesundheitssystemforschung, Medizinische Hochschule Hannover und Mitglied im Expert Circle des MEDICA HEALTH IT FORUM (Halle 15), steht jedenfalls fest, dass nicht nur der zweite Gesundheitsmarkt, also der privat finanzierte Marktbereich, langfristig von den kleinen Anwendungen geprägt wird. Insbesondere in den Bereichen der Prävention und der Therapietreue sieht er große Chancen. Als Beispiel für eine gelungene App in diesem Bereich nennt er „MyPill“ der Apotheke „Zur Rose“, die Hilfestellung für die korrekte Einnahme der Antibabypille gibt. Sie erinnert nicht nur an den richtigen Zeitpunkt, sondern dokumentiert unter anderem den Verlauf der Pilleneinnahmen. Eine einstellbare Warnung kann auf ein erhöhtes Schwangerschaftsrisiko im Falle von übersprungenen, nicht eingenommenen Pillen aufmerksam machen. Vergleichbare Anwendungen insbesondere bei komplexen Therapieregimen – also: viele Pillen und ein komplizierter, genau einzuhaltender Zeitplan wie zur HIV-Bekämpfung - könnten dem Gesundheitswesen Geld sparen. Damit würden solche Apps aus Sicht von Amelung für die Krankenkassen interessant werden. Natürlich habe alles seine Grenzen, zum Beispiel hinsichtlich der Betreuung von Demenzkranken. Trotzdem gibt sich Amelung optimistisch hinsichtlich des Anwendungspotenzials: „Selbst wenn Apps nur für zwanzig Prozent der Bevölkerung tauglich wären, so wären sie für diese Klientel ein Gewinn. Eine Lösung für alle Probleme wird es nie geben.“

Kürzlich hat auch der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI) in einem Faltblatt auf Basis des Ergebnisses von Studien gemahnt, dass die Indikationen für die Nutzung der Mobilgeräte sehr gut überprüft werden müssten. So sei gezeigt worden, dass im Bereich Tele-Dermatologie die Qualität des Befundes zwar nicht schlecht sei, jedoch deutlich unter der persönlich direkten Beurteilung und daraus folgenden Therapieentscheidung läge. Unterdessen konstatiert auch der ZVEI, dass die Anwendungsbereiche im professionell medizinischen Bereich breit gefächert sind, genannt werden:

• reine Datenübertragung (quasi als Modem)
• mobile Visite,
• Betrachtung, von EKGs, Röntgenbilder,
• Anzeige von alphanumerischen Werten
• Diagnostik und Therapieentscheidungen, etc.

Letztendlich haben aus Sicht des ZVEI auch die Benutzer der Geräte und Apps für die Art und Weise, wie sie diese benutzen, eine gewisse Verantwortung. Sie sollten (laut Faltblatt des Verbandes) sicherstellen, dass sie die Geräte nur in dem Kontext verwendeten, für den die Hersteller ihn freigegeben hätten oder bewürben.

App für Dialyse-Patienten im Test

Relevant für den ersten Gesundheitsmarkt könnte auch das sein, was Siemens-Forschung Corporate Technology, Vivantes-Klinikum, Telemedizincentrum Charité (TMCC), Prisma, Tembit sowie weitere Partnern gerade proben. Sie untersuchen, wie eine Dialyse nierengeschädigter Patienten zu Hause per App schonend und sicher erfolgen kann. In einem weltweit bisher einmaligen Feldtest sollen ausgewählte Dialysepatienten in Berlin mit einem telemedizinischen Assistenzsystem ausgestattet werden. Damit sollen sie die so genannte telemedizinisch assistierte Peritonealdialyse selbstständig unter täglicher ärztlicher Fernkontrolle ausführen. Der mehrmonatige Feldtest erfolgt im Rahmen des vom Bundesforschungsministerium geförderten Projekts „Smart Senior“. Es soll die Lebensqualität von Senioren erhöhen und ihnen ein weitgehend eigenständiges Leben zu Hause ermöglichen. Bei dem Feldtest listet eine App auf einem Smartphone die mit dem Arzt abgesprochenen Vitaldaten auf. Sie führt die Patienten durch die Messung von Blutdruck, Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung oder EKG. Die Messgeräte senden ihre Werte über einen Med-I-Box genannten speziellen Netzwerkknoten verschlüsselt und mit einem Pseudonym versehen an das Dialysezentrum. Die App vergewissert sich, ob die Daten dort angekommen sind. Später werden sie auf dem Server vom TMCC in der Patientenakte gespeichert. Der Arzt kontrolliert Vital- und Behandlungsdaten täglich und erhält außerdem bei Auffälligkeiten eine automatische Nachricht. So kann er gesundheitliche Veränderungen früher als bisher erkennen und sich sofort beim Patienten melden. Damit könnten Komplikationen vermieden werden.

App-Lösungen für Kliniken und Praxen

Allgemeiner ist ein Ansatz von RAM Mobile Data, den das Unternehmen bereits bei der MEDICA 2011 thematisierte. Ausgangspunkt der Überlegungen war der Gedanke, dass alle Mitarbeiter in Kliniken und Pflegeeinrichtungen schnell auf unterschiedlichste Informationen zugreifen müssen. Das Unternehmen hat dafür spezielle firmeneigene App-Stores entwickelt, die einen schnellen Zugriff ermöglichen sollen. Mitarbeiter in Kliniken und Pflegeeinrichtungen können mit ihrem eigenen Smartphone oder Tablet-Computer einfach auf für sie passende Apps zugreifen und so alle relevanten Daten abrufen. Durch die direkte Bearbeitung und Speicherung sind die Daten des Patienten ganz automatisch immer auf dem neuesten Stand. Auf den klinikeigenen App-Store sollen nur befugte Mitarbeiter Zugriff haben und Downloadrechte für die einzelnen Apps lassen sich für einzelne Nutzergruppen definieren. So kann ein Arzt mit einer Anwendung die Patientenakte aktualisieren, für die ein Pfleger mit seiner Version eventuell nur Leserechte hätte. Das funktioniert plattformunabhängig – sowohl beim „Backend“ als auch beim Mobilgerät und arbeitet mit allen Klinikinformationssystemen zusammen. Dieser „Bring Your Own Device“-genannte Trend könnte Vorteile haben. So könnten Kliniken zum Beispiel Geld bei der Anschaffung sparen. Als problematisch gelten dagegen die unklare Trennung von privater und geschäftlicher Hardware sowie der Sicherheitsaspekt. Lösungen klinikeigener App-Stores sollen diesbezüglich zu realisieren helfen, dass die Apps in einem separaten Bereich auf dem mobilen Endgerät gespeichert werden. Auf diese Weise kann erstens vermieden werden, dass es zu einer Vermischung von privaten und beruflichen Daten kommt. Zweitens hat die Klinik die Möglichkeit, bei Verlust des Smartphones oder Tablets oder nach dem Ausscheiden eines Mitarbeiters, die klinikspezifischen Apps sowie die damit verbundenen Daten aus der Ferne zu löschen, ohne dass dabei private Inhalte betroffen sind.

Insbesondere auf den Bedarf von niedergelassenen Ärzten zugeschnitten ist unterdessen die „CGM Mobile App“ der CompuGroupMedical. Mit dieser App haben Ärzte künftig auch via iPhone und iPad ihre Karteikarten immer in Reichweite. Die Online-Technologie-Plattform „telemed.net“ ermöglicht dabei einen sicheren mobilen Abruf der medizinischen Dokumentation aus der Arztsoftware „ALBIS“ und eine optimierte Anzeige auf dem iPhone/ iPad-Display. Gerade für Haus- und Heimbesuche ist diese Funktion zukunftsweisend und bietet dem Arzt mehr Mobilität und Komfort. Direkt aus der App heraus kann auch eine Wegbeschreibung gestartet oder ein Patient angerufen werden.

Die vor genannten Beispiele zeigen: Die Entwicklung neuer Apps im Gesundheitswesen bleibt ein spannendes Thema und wird bei der MEDICA 2012 auf Basis der präsentierten neuen Lösungen sicherlich wieder für viel Gesprächsstoff sorgen.

Informationen online: www.medica-health-it-forum.de

MEDICA.de
Martin-Ulf Koch/ Larissa Browa