Altersforschung in Kinderschuhen

Photo: Alte Frau und alter spelen Billard zusammen

Alt sein und das Leben genießen:
Das ist kein Widerspruch mehr;
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Mit Sport, Sozialpolitik, Psychologie, Biologie und Pflege auf dem Stundenplan ist ein Gerontologie-Student ein richtiger Allrounder. Sein Fach ist nicht auf eine Disziplin beschränkt. Denn Gerontologie - von griechisch gerontas, das Alter, und logos, die Wissenschaft – möchte den Alterungsprozess und das Leben im Alter in jeder Hinsicht beleuchten.

Dabei kann schon allein eine zentrale Frage ganze Vorlesungen füllen: Was ist Altern eigentlich. Das weiß nämlich immer noch niemand so genau, weil der menschliche Körper in vielerlei Hinsicht altert. Krankheiten, Psyche, Lebensweise, Gene - sie alle sind mehr oder weniger stark am Alterungsprozess beteiligt. Auch die Lebenssituation spielt eine Rolle: Arbeitssituation, Alterskultur, Sozialleben in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft müssen betrachtet und verglichen werden.

Die Köpfe der Wissenschaftler rauchen, die noch unerforschten Fragen sind schier unzählbar. Deshalb möchten Gerontologen die Zusammenarbeit zwischen allen Disziplinen, die sich mit dem Altern beschäftigen, stärken. Verschiedene Ergebnisse sollen sich ergänzen und eine breite Anwendung finden. Das kann zum Beispiel bei der Prävention helfen: Wenn Biologen neue Biomarker für eine degenerative Krankheit finden, müssen Mediziner sie in die Diagnose mit einbauen und Psychologen die Menschen dazu bringen, ihre Lebensweise vorbeugend anzupassen.

Der Weg zu erfolgreicher Interdisziplinarität ist aber nicht einfach. „Versuchen Sie mal einen Biologen und einen Psychologen an einen Tisch zu bringen, so dass da was bei rum kommt. Die sprechen eine andere Sprache, das sind zuweilen verschiedene Welten“, erklärt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG) Thomas Klie. „Wenn es aber funktioniert, dann gibt es teilweise richtige Aha-Erlebnisse, ganz neue Erkenntnisse durch die Verknüpfungen und neue Projekte, die sich aus dem Gedankenaustausch entwickeln.“

Immer im „besten“ Alter

Der systematische Zusammenschluss der deutschen Gerontologen zu einer Forschungsgemeinschaft setzte erst Anfang des 20. Jahrhunderts ein. „Erstmals wurde der Begriff Gerontologie aber bereits im Mittelalter in einem Dokument gefunden, allerdings in rein medizinischem Zusammenhang“, so Klie. Mit Altersmedizin oder Geriatrie, einem Teilgebiet der Gerontologie, begann eine Spezialisierung der Wissenschaftler auf die Senioren schon vor langer Zeit.

Aber: Senioren damals und heute – das ist ein himmelweiter Unterschied. Wer im Mittelalter als runzliger Greis galt, steht heute mitten im Leben. Und die addierten Lebensjahre sind lange nicht alles. Was vielen heute selbstverständlich ist, haben Gerontologen im Laufe des vergangenen Jahrhunderts erst allmählich bewirkt: Mit ihren Forschungen haben sie das Bild vom Altern grundsätzlich gewandelt. Heute wird das Älterwerden nicht mehr als uniformes Schicksal oder gar Dahinsiechen wahrgenommen, das es zu ertragen gilt, sondern als individueller Prozess und als eigenständiger Lebensabschnitt, der durchaus mit Lebensfreude und Fitness einhergehen kann. Hobbys pflegen, Sporttreiben, arbeiten oder sich weiterbilden - das steht heute nicht mehr im Widerspruch zu einem hohen Alter.

Der wichtigste Förderer der Gerontologie ist eine steigende Lebenserwartung und eine kollektiv alternde Gesellschaft. Je älter die Bevölkerung wird, desto mehr Beachtung findet die Gerontologie, wenn sich demographische Wandel bemerkbar machen, verlangt das nach mehr Aufmerksamkeit. Fragen, die sich die Gerontologie stellt, werden wichtig für die Gesellschaft und Politik. Und trotzdem ist die Gerontologie selbst heute noch in der deutschen Wissenschaftslandschaft ein Stiefkind. Zwei Lehrstühle für Geriatrie, vier für Gerontologie, vier Stiftungslehrstühle – mehr nicht.

„Damit liegt Deutschland weit unter dem internationalen Durchschnitt“, sagt Klie. „In vielen anderen Ländern gibt es an jeder Uni, die Medizin anbietet, zumindest auch einen geriatrischen Lehrstuhl.“ Gerontologie sei für viele Wissenschaftler noch karriereabträglich, weil in Deutschland der Förderschwerpunkt auf Einzeldisziplinen gelegt werde. Interdisziplinär arbeitende Wissenschaftler und Projekte seien noch wenig anerkannt. „ Aus gerontologischer Sicht ist Deutschland ein Entwicklungsland“, resümiert Klie.

Anke Barth
MEDICA.de