Alterungsprozess verschiebt sich um ein Jahrzehnt

Foto: Grafik der Lebenserwartung

Der Alterungsprozess beim Menschen
setzt immer später ein; ©Vaupel and
Lundström (1994), Human Mortality
Database

Seit über 170 Jahren steigt die Lebenserwartung der Menschen in den entwickelten Ländern kontinuierlich um durchschnittlich fast drei zusätzliche Lebensmonate pro Jahr. Zahlreiche Obergrenzen, die Experten in der Vergangenheit als unüberwindbar vorschlugen, wurden dabei durchbrochen. Auch gegenwärtig ist kein Abflachen des Anstiegs in der Lebenserwartung auszumachen. Wenn sich diese Trends auch zukünftig weiter fortsetzen, stehen die Chancen für ein Kind, das heute in Deutschland oder einem anderen Industriestaat geboren wird, besser als 1:1, dass es seinen 100. Geburtstag feiern wird – im 22. Jahrhundert.

Eine individuell in den Genen festgeschriebene, natürlich vorbestimmte Lebensspanne des Menschen scheint es nicht zu geben. Zwillingsstudien zeigen, dass die Chance auf ein langes Leben nur zu etwa 25 Prozent durch die genetische Ausstattung eines Menschen beeinflusst ist. Bemühungen, wahrhaftige Methusalem-Gene im menschlichen Genom zu isolieren, hatten bislang kaum Erfolg.

Dies ist in Einklang mit evolutionstheoretischen Ansätzen: Mutationen, die eine deutlich längere Lebensspanne bewirken, kommen in der Natur selten vor, da sich häufig gleichzeitig zu einem verminderten Fortpflanzungserfolg führen. Es ist eher davon auszugehen, dass Hunderte oder sogar Tausende von Genorten jeweils nur einen kleinen Beitrag zum Altern leisten und sich im komplexen Zusammenspiel auf die Sterbewahrscheinlichkeit im hohen Alter auswirken.

Ausschlaggebend für den stetigen Anstieg in der Lebenserwartung in der Vergangenheit waren sicher nicht genetische Faktoren, sondern ein allgemeiner Anstieg im Lebensstandard, eine bessere Ernährung, Fortschritte in der Medizin und in der Gesundheitsversorgung sowie soziale Errungenschaften, wie etwa der erhöhte Zugang der Menschen zu Bildung. Doch gegenwärtig arbeitet die biologische Alternsforschung daran, die Genetik altersbedingter Krankheiten in ihren Grundzügen zu verstehen. Neue Behandlungsmöglichkeiten auf Basis dieses Wissens könnten zukünftig die Gesundheit Älterer weiter verbessern.

Heute steht bereits fest: Das Altern war und war beeinflussbar. Die Menschen werden nicht nur immer älter, sondern immer gesünder älter. Die Lebenserwartung der Menschen nimmt also zu - nicht, weil der Alterungsprozess sich insgesamt verlängert, sondern weil er immer später einsetzt.


MEDICA.de; Quelle: Max-Planck-Gesellschaft