Am Lebensende selbst entscheiden: „Der Patient muss aufgeklärt worden sein über alle Möglichkeiten der Palliativmedizin, der Leidenslinderung und des Weiterlebens“

Wie geht man als Mediziner damit um, wenn ein Patient sterben möchte und welche Rechte habe ich als Patient eigentlich? Diese und andere Fragen werden nicht automatisch von Juristen beantwortet. Wir sprachen zum Thema mit Dr. Dr. Ralf Jox vom Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

01.12.2014

 
Foto: Ralf Jox

Dr. Dr. Ralf Jox. ©privat

Herr Dr. Dr. Jox, stellen wir uns vor ich bin Medizinerin und arbeite als Ärztin im Krankenhaus. Ich hadere mit der Situation, einen schwerkranken Patienten zu betreuen, der mich gebeten hat ihm beim Sterben zu helfen. Was raten Sie mir?

Ralf Jox: Wichtig wäre es, mit dem Patienten zu reden, wenn dies möglich ist. Das ist für Ärzte zunächst das Entscheidende. Dann wird man mit dem Patienten und eventuell mit den Angehörigen besprechen, ob es medizinische Maßnahmen gibt, die das Leben verlängern. Dann muss der Patient entscheiden, ob er diese Möglichkeit wahrnehmen möchte, ob es für ihn ein Therapieziel ist oder nicht. Ich rate ganz stark zum Dialog.

Was als lebenswert empfunden wird sehen Menschen zum Teil deutlich anders. Wie verhalte ich mich als Arzt, wenn mein Patient einen Therapievorschlag ablehnt, der für mich erstrebenswert wäre?

Jox: Es ist natürlich das gute Recht eines jeden Menschen, eine andere Meinung zu haben. Das kommt gar nicht so selten vor, denn Ärzte haben naturgemäß oftmals eine andere Sicht auf die Situation, weil sie zum Beispiel bestimmten Therapien eine Wertschätzung entgegenbringen. Sie müssen jedoch bereit sein, sich auf den Patienten einzulassen, und auch akzeptieren, dass Therapien, die sie für sinnvoll und nützlich halten, abgelehnt werden. Die Grenze verläuft dort, wo der Patient nicht mehr urteils- bzw. entscheidungsfähig ist. Wenn es also ein Patient ist, der aufgrund einer schweren geistigen Störung oder eines Delirs nicht urteilsfähig ist, gelten andere Bedingungen. Sobald aber ein Patient einwilligungsfähig ist, also die Tragweite der Entscheidung überblicken und einen Entschluss fassen kann, darf er sich gegen jegliche Therapie, sogar gegen lebenserhaltende Maßnahmen, aussprechen.

Was aber soll ich als Ärztin tun, wenn der Patient mich bittet aktiv zu helfen, indem ich zum Beispiel eine Überdosis Schmerzmittel gebe?

Jox: Die Hilfe zur Selbsttötung und die Hilfe des Arztes in Form der direkten Beendigung des Lebens sind rechtlich unterschiedlich zu bewerten. Das Töten auf Verlangen ist in Deutschland strafrechtlich verboten. Was derzeit stark diskutiert wird, ist aber die Hilfe zur Selbsttötung. Ihre Frage berührt aber zusätzlich die sogenannte indirekte Sterbehilfe. Wenn zum Beispiel ein Patient am Ende seines Lebens unter starken Schmerzen oder quälender Atemnot leidet und bereits Medikamente in sehr hohen Dosen braucht, Schmerz- oder Beruhigungsmittel, kann ein Arzt manchmal nicht ausschließen, dass die letzte Lebensphase durch die hohe Medikamentendosis verkürzt wird. Das ist in Deutschland erlaubt, solange das primäre Ziel nicht der Tod des Patienten ist, sondern die Linderung von Leiden.

Sie sprachen an, dass über die Hilfe zur Selbsttötung verhandelt wird. Wie ist der derzeitige Stand?

Jox: Bei der Frage des ärztlich assistierten Suizids ist die aktuelle Rechtslage so, dass es strafrechtlich in Deutschland nicht verboten ist. Für Ärzte ist die berufsrechtliche Zulässigkeit jedoch davon abhängig, in welchem Bundesland sie leben. Etwa die Hälfte der Landesärztekammern verbietet es ihren Ärzten, die andere Hälfte erlaubt es. Das ist eine unübersichtliche Situation, die viele Patienten zu Recht nicht verstehen. Hinzu kommt, dass es auch nicht-ärztliche Personen gibt, die Suizidhilfe anbieten, zum Beispiel im Rahmen eines Hamburger Vereins, durch Organisationen in der Schweiz oder Privatpersonen. Das alles sind Gründe, weshalb nun im Bundestag in den nächsten Monaten eine gesetzliche Regelung diskutiert werden wird.

Foto: Alte Frau im Rollstuhl, junge Frau kniet vor ihr

Nicht alle Menschen haben das Glück bis ins hohe Alter gesund zu sein. Wie geht man als Arzt damit um, wenn ein Patient die lebensverlängernde Therapie nicht will?; © panthermedia.net/Arne Trautmann

Was ist ihre Empfehlung?

Jox: Ich selbst habe in Zusammenarbeit mit drei anderen Wissenschaftlern aus der Palliativmedizin, der Ethik und dem Medizinrecht einen konkreten Gesetzesvorschlag unterbreitet. Was wir vorschlagen, ist ein Mittelweg zwischen einem kompletten Verbot jeder Suizidhilfe sowie einer liberalen Bewegung, die alles so lassen möchte, wie es jetzt ist. Wir schlagen eine strenge Regelung vor mit Bedingungen, die die Ärzte im Einzelfall prüfen und denen sie entsprechen müssen. Die Bedingungen sind insbesondere, dass geprüft werden muss, ob der Patient frei verantwortlich und entscheidungsfähig ist. Er muss aufgeklärt worden sein über alle Möglichkeiten der Palliativmedizin, der Leidenslinderung und des Weiterlebens. Des Weiteren muss Bedenkzeit gegeben werden sowie alles von einem zweiten Arzt geprüft werden. Dies sind die wesentlichen Voraussetzungen, wie wir sie vorschlagen, auf der Basis dessen, was in manchen amerikanischen Bundesstaaten, insbesondere Oregon und auch Washington, geregelt ist und sich jahrelang gut bewährt hat.

Es gibt Patienten, die sich nicht mehr zu ihren Wünschen äußern können. Würden Sie deshalb jedem empfehlen eine Patientenverfügung zu verfassen?

Jox: Eine Patientenverfügung muss nicht von jedem Bürger ausgefüllt werden. Sinnvoll ist sie für ältere Menschen, die chronische Krankheiten haben, oder für Personen, die an einer unheilbaren, tödlichen Erkrankung leiden. Das kann etwa eine Krebserkrankung sein oder eine neurodegenerative Erkrankung. Da macht eine Patientenverfügung Sinn, da es absehbar ist, dass es zu einer Verschlechterung kommen wird, dass es zu Komplikationen und Notfällen kommen kann. Bei einer Patientenverfügung ist es wichtig vorherzusehen, welche Probleme auftreten können, daher macht sie für diese Patientengruppe Sinn. Bei jungen gesunden Menschen ist es vielleicht dann sinnvoll, wenn sie ein hohes Risiko für plötzliche schwere Unfälle haben, etwa falls sie Risikosportarten ausüben. Ich würde aber nicht von jedem jungen Menschen fordern, eine Patientenverfügung zu schreiben.

Wenn man sich die Geschichte der Medizinethik anschaut, kann man von einem Wandel sprechen, der die Patienten nun mit ins Boot holt und sie selbst entscheiden lässt, was am Ende des eigenen Lebens geschehen soll?

Jox: Ja, definitiv. Die Medizinethik war eigentlich bis in die 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts eine reine Arztethik. Dann wurde der Patient in den Mittelpunkt gestellt und seine Autonomie zunehmend berücksichtigt. Diese Entwicklung hält bis heute an. Mittlerweile nimmt man es sehr ernst, mit den Patienten zu sprechen, sie aufzuklären, ihre Einwilligung einzuholen, oder, wenn sie diese nicht mehr geben können, mit den Angehörigen als stellvertretende Entscheider zu sprechen. Betroffene sollten auch in Ethikkommissionen beteiligt werden, um ihre Sichtweise einzubringen.

Wo steht Deutschland im internationalen Vergleich bei diesem Thema?

Jox: In der Medizinethik führend sind derzeit die USA und generell der angelsächsischen Raum. Deutschland ist im Moment noch 10 bis 20 Jahren zurück, was die Professionalisierung angeht. Innerhalb Europas ist Deutschland jedoch nicht schlecht aufgestellt. Ich glaube, in Deutschland fehlt uns noch eine bessere Verzahnung der Medizinethik mit der Medizin selbst. Derzeit befindet sich die Medizinethik häufig nur an den Universitäten und dort meist innerhalb der philosophischen Fakultäten - also weit weg von den Kliniken. Ich würde mir wünschen, dass es in Deutschland demnächst wie in den USA direkt an den Kliniken und Krankenhäusern Zentren oder Abteilungen für Klinische Ethik gibt.

Passiert es , dass Ärzte zu ihnen kommen und sich Beratung holen?

Jox: Ja, es gibt durchaus einen großen Bedarf, das wurde auch schon in vielen Studien gezeigt. In München bauen wir deshalb zur Zeit eine Ethikberatung für die Klinik auf. Wir bieten nicht nur eine allgemeine Beratung oder Fortbildungen an, sondern beraten im Einzelfall, also zu konkreten Therapieentscheidungen. Wir kommen in die Klinik und setzen uns mit den Ärzten und dem Pflegepersonal aber auch Angehörigen und Patienten zusammen. Wir versuchen so dazu beizutragen, dass man eine möglichst gut begründete und verantwortungsvolle Entscheidung trifft.
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©B. Frommann

Das Interview führte Simone Ernst.
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