Antibiotika-Therapie: Verordnungsverhalten analysiert

08.07.2014
Foto: Antibiotikatabletten

Versorungsatlas zeigt aktuelle Untersuchung zur Antibiotikatherapie; © Ingram Vitantonio Cicorella/ panthermedia.net

In Deutschland verordnen die niedergelassenen Ärzte bei Infektionen der Atemwege Antibiotika zurückhaltend. Bei der Therapie von Rachen- und Mandelentzündungen kommen Antibiotika hingegen häufiger zum Einsatz als empfohlen. Regionale Unterschiede im Verordnungsverhalten kommen hinzu. Das zeigt eine aktuelle Untersuchung der Wissenschaftler vom Versorgungsatlas des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland (ZI).

Zu den Schlusslichtern zu gehören, kann auch positiv sein. Deutschland bildet zusammen mit den Niederlanden und Estland die Abschlussgruppe mit dem geringsten Antibiotikaeinsatz unter allen Ländern Europas: Während hierzulande weniger als 15 definierte Tagesdosen pro 1000 Einwohner verordnet werden, liegen die Raten bei den Spitzenreitern zwischen 37 und 43 Tagesdosen. Dies berichtete die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in einer unlängst veröffentlichten Untersuchung. Die WHO betont aber auch, dass der Verbrauch an Antibiotika nach wie vor generell zu hoch sei. Dies gilt auch für die Bundesrepublik. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen empfiehlt beispielsweise in seinem gerade veröffentlichten Gutachten, zur Vermeidung von Resistenzen "ein Augenmerk auf die angemessene Verordnung von Antibiotika zu legen, bei denen gravierende regionale Unterschiede bei den Verschreibungen vorliegen".

Diese Unterschiede belegt eine neue Untersuchung der Wissenschaftler des Versorgungsatlas. Die Forscher haben die bundesweiten Abrechnungsdaten aus der kassenärztlichen Versorgung genutzt, um das Verordnungs- verhalten der Ärzte bei Atemwegsinfektionen, Rachen- und Mandelentzündungen, Scharlach, Lungenentzündungen sowie Mittelohr- und Harnwegsinfektionen zu analysieren. "Durch diese Analyse leisten die Kassenärztlichen Vereinigungen und die niedergelassenen Ärzte einen wichtigen Beitrag zur qualitativen und quantitativen Verbesserung der Antibiotikaverordnungen im ambulanten Sektor", erklärt Dr. Jörg Bätzing-Feigenbaum, der Leiter des Versorgungsatlas.

"Mit Ausnahme von Scharlach zeigen sich in den neuen Bundesländern niedrigere Verordnungsraten als in den alten Bundesländern", schreiben die Forscher in ihrem Report, der im Portal des Versorgungsatlas veröffentlicht ist. Am deutlichsten fallen diese Unterschiede bei Mittelohrentzündungen und Harnwegsinfektionen aus.

Auffallend ist auch, dass in den neuen Bundesländern bestimmte Antibiotika häufiger eingesetzt werden als in den alten. Diese Breitspektrum-Antibiotika, Chinolone, gehören indes zu den Reserveantibiotika, die schweren Infektionen vorbehalten sein sollten, um Resistenzbildungen zu vermeiden. Generell erhöhte sich in ganz Deutschland im Jahr 2009 der Einsatz dieser Substanzen, zu denen auch die Oralcephalosporine gehören, im Vergleich zum Vorjahr um 22 Prozent.

Unterschiede beim Antibiotikaeinsatz gibt es auch bei den einzelnen Krankheitsbildern. Während die Ärzte bei den zumeist von Viren verursachten Atemwegsinfektionen Antibiotika entsprechend der Empfehlungen der Leitlinien zurückhaltend einsetzen, diagnostizierten die Forscher des Versorgungsatlas bei Rachen- und Mandelentzündungen einen zu hohe Verordnungsrate: Entsprechend europäischer Qualitätsindikatoren ist bei diesen Erkrankungen die Antibiotikatherapie in bis zu 20 Prozent der Fälle gerechtfertigt. In Deutschland werden jedoch bis zu 59,5 Prozent der Fälle mit Antibiotika behandelt. "Bei diesen Diagnosen besteht ein dringender Handlungsbedarf, den Einsatz von Antibiotika nachhaltig zu reduzieren", kommentiert Bätzing-Feigenbaum. Auch bei Mittelohrentzündungen liegen die Verordnungsraten höher als die Qualitätsindikatoren ausweisen.

Die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen des Versorgungsatlas haben bei ihrer Studie die pseudonymisierten Abrechnungsdaten und Arzneiverordnungsdaten des Jahres 2009 aus Arztpraxen ausgewertet. Im Fokus standen häufige ambulant behandelte Erkrankungen. Ebenso erfolgte eine differenzierte Erhebung nach Wirkstoffen. Die Verordnungshäufigkeiten wurden mit Qualitätsindikatoren des European Surveillance of Antimicrobial Consumption Project (ESAC) abgeglichen. Hinzu kam der regionale Vergleich der Bereiche der kassenärztlichen Vereinigungen sowie der alten und neuen Bundesländer.

Noch in diesem Jahr plant das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung die Veröffentlichung einer Untersuchung zur Entwicklung der Antibiotikaverordnungsraten im Zeitverlauf für die Jahre 2008 bis 2012.

MEDICA.de; Quelle: Der Versorgungsatlas