Arbeitsmedizin 4.0: Gesundheit in der globalisierten Wirtschaft

Interview mit Prof. Hans Drexler, Direktor, Institut und Poliklinik für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg

Die Digitalisierung verändert die Arbeitswelt - das ist ein alter Hut. Gab es früher nur Landwirtschaft, Industrie und Handwerk mit festen Arbeitszeiten, setzen Vernetzung und ständiger Informationsfluss mitunter den geregelten Arbeitstag außer Kraft. Der multimediale Bürojob bringt ganz eigene Gesundheitsrisiken mit sich.

15.12.2015

Foto: Mann im Anzug im Sessel vor einem Bücherregal

Prof. Hans Drexler; ©privat

Prof. Hans Drexler spricht mit MEDICA.de über Arbeitsmedizin in der vernetzten Wirtschaft, warum abgeschaltete Server Stress nicht reduzieren und wie Betriebsärzte Menschen erreichen können, bevor sie überhaupt krank werden.

Herr Prof. Drexler, kürzlich hat die Deutsche Gesellschaft für Arbeits- und Umweltmedizin (DGAUM) eine Stellungnahme mit 14 Thesen zur Arbeitsmedizin 4.0 veröffentlicht. Gerade derartige Versionsnummern trifft man heute häufig. Was steckt konkret dahinter?


Prof. Hans Drexler: Damit lehnen wir uns als Arbeitsmediziner an die Industrie 4.0 an, also das weltweit vernetzte Arbeiten in der multimedialen Gesellschaft, mit dem auch neue gesundheitliche Risiken für die Beschäftigten einhergehen. Man darf dabei natürlich nicht vergessen, dass es auch weiterhin Arbeitsplätze in der Landwirtschaft, im Handwerk und der Industrie mit ihren jeweiligen Gesundheitsrisiken gibt - gewissermaßen Arbeiten 1.0, 2.0 und 3.0. Aber mit der "Arbeitsmedizin 4.0" begleiten wir die Beschäftigten in die neue Industrie.
Foto: Mann im Anzug mit vielen Armen beim Multitasking

Moderne Bürojobs erfordern immer öfter die Fähigkeit zum Multitasking und verleiten Arbeitnehmer dazu, sich selbst ständig erreichbar zu machen. Daraus entstehen neue Gesundheitsrisiken, denen die Arbeitsmedizin begegnen will; ©panthermedia.net/ alphaspirit

Was sind Fragestellungen der Arbeitsmedizin 4.0?

Drexler: Wir werden mit unseren traditionellen Arbeitsschutzkonzepten möglicherweise Probleme in der globalisierten Wirtschaft haben. Bei weltweit operierenden Konzernen findet rundum die Uhr Informationsfluss statt. Immer mehr Arbeitnehmer sind aus Eigenmotivation permanent erreichbar, auch nach Feierabend, oder wollen es sein, weil sie ihre Karriere vorantreiben wollen oder sich dazu verpflichtet fühlen. Daraus entsteht für den Arbeitnehmer natürlich Stress mit den damit verbundenen gesundheitlichen Gefahren, zum Beispiel für die Psyche oder das Herz-Kreislauf-System.

Der Arbeitgeber verlangt das in der Regel aber viel seltener. Einige Unternehmen, wie VW zum Beispiel, schalten nach Feierabend die E-Mail-Server für einen Teil der Mitarbeiter sogar ab. Damit helfen sie ihren Angestellten aber nur bedingt, denn sie zwingen sie, ihre Arbeit zu einer fest vorgegebenen Zeit zu erledigen. Mancher arbeitet aber vielleicht lieber seine E-Mails am Abend ab und wird so unter Druck gesetzt, dies in der Arbeitszeit zu tun.

Es ist deshalb nicht so einfach, generelle Regeln zum Arbeitsschutz aufzustellen. Diese Fragen sind im Prinzip noch nicht wissenschaftlich beantwortet, denn die ganze Technologie rund um Smartphones und Tablets hat uns in den letzten zehn Jahren gewissermaßen überrollt. Die Forschung hinkt dabei hinterher.

Welchen Stand haben denn Prävention und betriebliche Gesundheitsförderung derzeit in Deutschland?

Drexler: Ich denke, ihre Bedeutung wächst von Tag zu Tag. Zum einen wurde jetzt endlich, im vierten Anlauf, das Präventionsgesetz verabschiedet, das zum 1. Januar 2016 umgesetzt wird. Zum anderen erkennen Unternehmen zunehmend den Wert von Prävention, denn die Belegschaft wird immer älter und es gibt immer weniger Nachwuchs. Eine ältere Belegschaft ist mehr und länger krank. Und ein Mitarbeiter, der länger krank war, muss betrieblich wieder eingegliedert werden. All das macht den Wert von präventiven Maßnahmen am Arbeitsplatz nachvollziehbar.

Was ist konkret im Präventionsgesetz verankert?

Drexler: Sehr viele Menschen in unserer Gesellschaft gehen erst dann zum Arzt, wenn sie krank sind. Die Betriebsärzte aber haben die Möglichkeit, circa 43 Millionen Beschäftigte mit Check-up-Untersuchungen und individueller Beratung weit vor einer Erkrankung zu erreichen. Das Präventionsgesetz verankert jetzt, dass der Betriebsarzt mehr in die allgemeine Gesundheitsförderung einbezogen wird.
Foto: Mann am Laptop greift nach einem Apfel

Leider kann die betriebliche Gesundheitsvorsorge nicht einfach mit dem Sprichwort "An apple a day..." zusammengefasst werden - obwohl vom Arbeitgeber geförderte gesunde Ernährung viel beitragen kann; ©panthermedia.net/ aremafoto

Wie stehen wir mit der Gesundheitsförderung im Vergleich zum Ausland da?

Drexler: Ich denke, in den skandinavischen Ländern ist man mit der Gesundheitsförderung sicher noch etwas weiter als wir. Aber ansonsten nimmt Deutschland auf diesem Gebiet schon eine führende Position ein.

Welchen Stellenwert haben denn bei uns Prävention und Gesundheitsförderung in der Ausbildung der Mediziner?

Drexler: Das Thema ist ein Pflichtfach und nach der Approbationsordnung im Medizinstudium verankert. Trotzdem entscheiden sich viele junge Ärzte erst später dafür, tatsächlich im Bereich der Prävention, beispielweise als Arbeitsmediziner tätig zu werden. Wenn sie eine Zeit lang therapeutisch gearbeitet haben, merken sie gewissermaßen, dass die Prävention zur Verhinderung von Krankheiten auch wichtig ist.

Gibt es für Unternehmen spezifische Hindernisse, um Aufgaben in der Prävention wahrzunehmen?

Drexler: Große deutsche Unternehmen wie beispielsweise BASF, Audi, BMW oder Boehringer Ingelheim betreiben bereits seit Jahrzehnten Gesundheitsmanagement, Gesundheitsförderung und Prävention. Sie tun das aber nicht aus Altruismus, sondern weil es sich für sie rechnet und weil sie so dem Auftrag ihrer Aktionäre nachkommen, Geld zu erwirtschaften.

Kleine und mittelständische Unternehmen können aus Kostengründen aber nicht einfach einen Gesundheitsmanager anstellen. Hier brauchen wir Konzepte, beispielsweise eine Netzwerkbildung, mit denen kleinere Unternehmen im Verbund den Gedanken der Gesundheitsförderung so umsetzen können wie die großen Industrieunternehmen.
Foto: Timo Roth; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview wurde geführt von Timo Roth.
MEDICA.de