Arzt und Patient: Eine schwierige Beziehung

Die Begegnung zwischen Arzt und Patient gestaltet sich nicht immer einfach. Auf der einen Seite der Arzt, dessen Aufgabe es ist, vielen Patienten zu helfen. Auf der anderen Seite der Patient, der zum Arzt geht in der Hoffnung, dass sein Problem dort behandelt werden kann. Schwierig wird es immer dann, wenn einer das Gefühl hat, dass es nicht rund läuft. Und das passiert nicht selten.

01.04.2015

 
Foto: Christiane Lange

Christiane Lange, Expertin Gesundheitsmarkt; ©Verbraucherzentrale NRW

Früher, so sagt man gerne, war alles einfacher. Selbst der Gang zum Arzt. Der Patient kam und schilderte seine Beschwerden, der Arzt fand die richtige Behandlung, teilte dies dem Patienten mit und führte die Therapie dann durch. Heute, so scheint es, kommt es sowohl bei den Ärzten als auch bei den Patienten häufiger zu Irritationen. Der Patient geht zum Arzt, erhält eine Diagnose – und widerspricht vehement. Schließlich weiß er genau, was er hat, denn er hat zuvor im Internet recherchiert. Der Kollege Dr. Google lässt freundlich grüßen.

Die Spreu vom Weizen zu trennen ist schwierig

Wer sich im Krankheitsfall über Symptome informieren möchte, der bemüht zumeist das Internet. Das Problem: Eine Suchmaschine liefert eine Ergebnisliste sortiert nach Stichwörtern und geht nicht danach, wie seriös eine Information ist. Darüber hinaus kann ein Symptom, wie zum Beispiel Kopfschmerzen, viele verschiedene Ursachen haben, von Stress bis hin zu einem Hirntumor. Ohne genaue Diagnostik helfen die Informationen den Patienten deshalb meist gar nicht weiter. Wer sicher sein möchte, dass die Website zumindest auf verlässlichen Informationen beruht, kann sich zwar zum Beispiel am HON-Code der Health on the Net Foundation orientieren oder die Websites von Patientenstellen abrufen. Deren Linklisten sind in der Regel geprüft und führen auf seriöse Seiten. Ein wirklicher Informationsgewinn ist jedoch meist nur gegeben, wenn man die Rechercheergebnisse mit einem Fachmann bespricht. Und das bleibt weiterhin der jeweilige Facharzt.

Foto: Patient spricht mit einem Arzt

Schenkst du mir Zeit, schenke ich dir Vertrauen. So könnte man eine Patienten-Arzt-Beziehung zusammenfassen. Die Realität sieht oft anders aus. Wer als Patient seine Beschwerden schildern will muss flott sein, denn nach etwa 15 Sekunden fällt ihm der Arzt ins Wort; © panthermedia.net/ximagination

Patient oder Kunde?

Erschwert wird die Beziehung zwischen Arzt und Patient dadurch, dass verschiedene Leistungen in den Praxen mittlerweile als Selbstzahlerleistungen angeboten werden, die sogenannten IGeL. Oft sind sie der Grund für Ärger. Das bestätigt Christiane Lange von der Verbraucherzentrale NRW in Düsseldorf: „Die Verbraucherzentrale hat immer wieder Beschwerden von Patienten zum Thema IGeL erhalten. Doch es fehlte an einer systematischen Erfassung. Deshalb haben wir 2012 eine Umfrage zu diesem Thema gestartet. Das Ergebnis war, dass viele Patienten sich schlecht beraten fühlen.“ Weiter führt sie aus: „Manche Patienten erhalten direkt am Empfang Flyer oder Listen. Die sollen sie sich dann im Wartezimmer durchlesen und ankreuzen, welche Behandlung gewünscht ist. Das ersetzt aber nicht das gesetzlich vorgeschriebene ärztliche Beratungsgespräch, in dem ich als Patient ausführlich informiert werde.“
Foto: Igel mit Blättern und 50-Euro-Schein

IGeL im Schafspelz? Individuelle Gesundheitsleistungen werden von den gesetzlichen Krankenkassen nicht bezahlt, da ihre Wirkung zweifelhaft oder noch nicht eindeutig geklärt ist, und nicht, weil die Krankenkassen mangels Geld Therapien nicht bezahlen wollen; © panthermedia.net /Oleksii Akhrimenko

Grund genug für die Verbraucherschützer, eine Internetseite zu gestalten, die Patienten als Beschwerdeanlaufstelle nutzen können. Auf www.igel-ärger.de kann man seine Erlebnisse an eine Pinnwand posten, einige der Kommentare werden von der Redaktion auch beantwortet. Der Tenor der meisten Einträge: Es wird nicht ausreichend informiert, die Terminvergabe hängt davon ab, ob gleichzeitig eine IGeL-Leistung gebucht wird, oder es wird gesagt, eine IGeL-Untersuchung sei dringend nötig für die Diagnostik. Den Einwand von Ärztevertretern, es handele sich dabei durchweg um schwarze Schafe, lässt Lange so nicht gelten: „Das Argument seitens der Ärzte, es handelt sich um Einzelfälle, kann ich nach der nunmehr tausendsten Beschwerde auf unserer Seite nicht nachvollziehen.“ Den Patienten empfiehlt sie, um Ärger zu vermeiden, sich gut zu informieren. Allerdings räumt sie ein, dass dies offenbar nicht immer ausreicht. „Viele Patienten berichten, dass sie, obwohl sie sich informiert haben, keinen Vorteil daraus ziehen können, da der Arzt sehr kritisch darauf reagiert und seine medizinische Kompetenz infrage gestellt sieht. Das bewirkt, dass man den Patienten nicht als Gesprächspartner sieht, mit dem man Informationen austauscht. Es findet zwar mittlerweile ein Umdenken statt, aber Patienten haben noch viele Hürden zu meistern, die es so nicht mehr geben müsste.“

Wer sich als Patient nicht ernst genommen oder schlecht behandelt fühlt, dem bleibt in der Regel nur die erneute Arztsuche. Die kann sich lohnen, denn es geht zum einen um die eigene Gesundheit und, wenn die Chemie stimmt, nicht selten um eine lebenslange Beziehung. Die ist dann ein Gewinn für beide Seiten.


[1] Wilm S, Knauf A, Peters T, Bahrs O. Wann unterbricht der Hausarzt seine Patienten zu Beginn der Konsultation? Z Allg Med 2004; 80: 53–57

siehe auch: Quarks & Co - Folgenschwere Missverständnisse: Wenn Arzt und Patientin zu Gegnern werden
Foto: Simone Ernst; Copyright: B. Frommann

©B. Frommann

Simone Ernst
MEDICA.de