Aus dem Kuhmagen in die Medizin

Ein genauer Blick ins Innenleben
© Hemera

Im Pansen, dem ersten und größten der vier Mägen einer Kuh, beherbergen Wiederkäuer eine große Zahl Mikroorganismen wie verschiedene Bakterien und Pilze. Die zersetzen vor allem lange, schwer verdauliche Pflanzenfasern. Welche Bakterien hier genau am Werke sind, ist allerdings nur zu einem kleinen Teil bekannt. "Als Lebensraum", erklärt der Mikrobiologe und Bereichsleiter der Gesellschaft für Biotechnologische Forschung (GBF) Prof. Kenneth Timmis, "ist der Pansen der Kuh ähnlich schwer zu untersuchen wie der Meeresboden."

Um etwas Licht in das Dunkel des Kuhmagens zu bringen, bestimmten GBF-Forscher und Kollegen daher DNA-Material in einer Probe, die sie dem Pansen einer Milchkuh entnommen hatten. Unter dem DNA-Material aus Dutzenden teilweise noch unbekannten Bakterien fanden sie dabei auch Gene für einige neuartige Enzyme, mit denen die Kleinstorganismen Pflanzenfasern auflösen können.

GBF-Wissenschaftler Dr. Peter Golyshin erklärt: "Unsere Arbeit hat gezeigt, dass diese Mikroorganismen ein enormes Potenzial haben: Man kann in ihnen völlig neue Enzyme mit ungewöhnlichen Eigenschaften finden - und voraussichtlich auch Wirkstoffe, die sich für medizinische Anwendungen eignen."

Für Prof. Timmis enden die Untersuchungen verschiedener Mikroorganismen nicht im Innern der Kuh: "Auf der Oberfläche von Pflanzen und der Haut von Menschen und Tieren leben die verschiedensten mikrobiellen Gemeinschaften ebenso wie im Verdauungstrakt. Diese komplexen Lebensgemeinschaften spielen eine entscheidende Rolle für die Gesundheit und die Nahrungsmittelverwertung."

Und daher „planen Forschungszentren und Hochschulen aus mehreren Ländern, in einem internationalen Projekt das Metagenom des Menschen zu erforschen - also die DNA der Bakterien von Haut, Darmoberfläche, Atemwegen", so Timmis.

MEDICA.de; Quelle: Gesellschaft für Biotechnologische Forschung (GBF)