In russischen Städten wie Moskau breitet sich HIV rasant aus der Gruppe der Drogenabhängigen in die übrige Bevölkerung aus. Dies geschieht nach Erkenntnis der Epidemiologen vor allem durch so genannte "bridging groups" wie zum Beispiel Prostituierte. In einer Studie sollte nun untersucht werden, wie stark HIV und andere sexuell übertragbare Erkrankungen bereits in diesen speziell gefährdeten Gruppen verbreitet sind.

Zwischen Januar 2001 und April 2002 untersuchten Wissenschaftler die Insassen des einzigen Jugendgefängnisses in Moskau, einer Auffangstelle für Nichtsesshafte und eines Untersuchungsgefängnisses. Alle neu Eingelieferten wurden eingeladen, sich untersuchen zu lassen. Diese Einladung galt für 15- bis 17-Jährige im Jugendgefängnis und für 18- bis 45-Jährige in den beiden anderen Anstalten.

160 der untersuchten Frauen (79 Prozent) im Untersuchungsgefängnis waren Prostituierte. 91 (51 Prozent) der nicht sesshaften Frauen hatten Syphilis. Bei 97 (58 Prozent) der weiblichen Insassen des Jugendgefängnisses fanden die Wissenschaftler mindestens eine bakterielle Geschlechtskrankheit, ebenso bei 120 (64 Prozent) der Frauen im Untersuchungsgefängnis und 133 (75 Prozent) der nicht sesshaften Frauen.

HIV-positiv waren sieben der untersuchten Frauen im Untersuchungsgefängnis (vier Prozent), fünf der männlichen Jugendgefangenen (drei Prozent) und vier der nicht sesshaften Frauen (zwei Prozent). Diese Zahlen scheinen auf den ersten Blick nicht dramatisch. Allerdings weisen die Studienautoren auf den engen Zusammenhang zwischen Geschlechtskrankheiten und HIV-Infektion hin. Beides begünstige sich gegenseitig. Daher vermuten die Wissenschaftler, dass diese Bevölkerungsgruppen einen großen Teil dazu beitragen, dass in Russland die HIV-Infektionsraten sprunghaft ansteigen.

MEDICA.de; Quelle: Lancet 2005, Vol. 366, S. 57-60