Avatar Kids: Soft skills für einen verbesserten Heilungsprozess vernetzen

17.11.2015
Foto: Philipp Mahler mit Avatar-Roboter

Philipp Mahler stellt Avatar-Roboter auf der MEDICA-Preview vor; © beta-web/ Scholze

Für kleine Langzeitpatienten gibt es wohl nichts Schlimmeres, als monatelang von Freunden oder Schulkameraden getrennt zu sein. Um den sozialen wie schulischen Anschluss nicht zu verlieren, wurde das Telepräsenz-Projekt Avatar Kids ins Leben gerufen. Über einen kleinen Roboter können die Patienten am Schulunterricht teilnehmen und werden so wieder mit ihrem sozialen Umfeld vernetzt.

Im Interview mit MEDICA.de sprach Philip Mahler, Chief-Technical-Officer bei Avatarion, über die Technologie, die dahinter steckt und über den positiven Einfluss des kleinen Roboters auf den Heilungsprozess des Kindes.

Wie funktioniert die Roboter-Mensch-Interaktion für kleine Langzeitpatienten?

Mahler: Das Produkt von Avatarion, ist ein System, das die Vernetzung zwischen jungen Patienten und ihrer Schulklasse erst möglich macht. Wir haben verschiedene Komponenten, die dabei eine Rolle spielen: Das ist unter anderem der Roboter, der von einer Partnerfirma hergestellt wird. Die Software wird in unserem Haus programmiert. Die Tablets beziehen wir von unserem Partner Samsung.

Das Kind im Krankenhaus erhält ein Tablet. Über dieses kann es den Roboter steuern, der sich in der Klasse befindet und auch über ein Tablet verfügt. Der Patient kann den Arm des Roboters heben oder den Kopf bewegen, um beispielsweise in der Klasse hin und her zu schauen. Das Kind kann Emotionen wie Lachen oder Schluchzen über den Roboter ausdrücken. Das Ganze wird mit Videotelefonie, also Bild und Ton, unterstützt. So können sich alle Beteiligten sehen und hören.

 
 
Foto: Schulkinder lernen zusammen mit dem Avatar-Roboter

Der kleine Patient ist mit seinen Klassenkameraden über den Avatar-Roboter verbunden; © Avatar Kids

Welche Vorteile hat diese Art der Kommunikation für kleine Langzeitpatienten?

Mahler: Als primäres Ziel wird die Resozialisierung der Kinder angestrebt. Wir haben einen Prozess geschaffen, der es kranken Patienten ermöglicht, mit ihrem sozialen Umfeld in Verbindung zu bleiben.

Es gibt den Begriff der "Schattenkinder". Das sind Kinder, die in ihrem Schulkontext vergessen werden, da sie über einen längeren Zeitraum hinweg nicht am Unterricht teilnehmen können. Das betrifft insbesondere Langzeitpatienten, denn oft können und dürfen die Klassenkameraden sie nicht besuchen. Genau diesem Prozess wirkt das Avatar Kids Projekt entgegen. Die Kinder können regelmäßig am Unterricht teilnehmen und sich mit ihren Mitschülern austauschen. Sie können ihnen erklären, was gerade auf medizinischer Ebene mit ihnen passiert und wie es ihnen geht.

Ein weiterer positiver Aspekt betrifft den Heilungsverlauf. Die Kinder sind wesentlich besser gelaunt durch die soziale Interaktion. Sie sind glücklicher, wenn sie mit vertrauten Gesichtern kommunizieren können. Zu guter Letzt kann das Kind am Unterricht teilnehmen. Je nach Krankheitsverlauf weniger oder mehr, aber es wird sichergestellt, dass es nicht zu viel schulischen Stoff verpasst und den Anschluss verliert.

"Soft skills connected" lautete der Titel ihres Vortrages. Welche Soft skills werden nun miteinander vernetzt?

Mahler: Der Roboter ist ein Avatar, ein digitaler Stellvertreter, der Emotionen wie Freude oder Trauer transportieren kann. Damit wird es überhaupt erst möglich, mit Soft skills auf das Kind im Krankenhaus einzugehen. Mit Avatar Kids kann ein Lehrer viel einfacher erklären, warum das kranke Kind nicht in der Klasse ist. Die Schulkameraden können außerdem das Kind in dessen derzeitiger Umgebung direkt fragen und sehen, wie es ihm geht. Die gesamte Komponente des Visuellen und Akustischen bereichert das Projekt.

In der Schweiz wird Avatar Kids bereits sehr gut in Krankenhäusern und Schulen angenommen. Wie sieht es mit Deutschland aus?

Mahler: Wir haben Kontakte aufgenommen und befinden uns momentan im Gespräch mit dem Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg. Dort besteht großes Interesse.

 
 
Foto: Melanie Günther

© Barbara From-
mann-Czernik






Das Interview führte Melanie Günther
MEDICA.de