Bauch auf - aber nur im Notfall

Foto: Neugeborenes Baby wird untersucht

Operieren ohne Notwendigkeit:
Geburten per Kaiserschnitt liegen
im Trend;© Picture Desk

Claudia Schiffer, Madonna, Angelina Jolie - sie alle haben es getan. Ein Baby per Kaiserschnitt auf die Welt holen zu lassen, das liegt im Trend und mittlerweile nicht mehr nur in den USA: Auch in Deutschland steigt seit Jahren die Zahl der Kaiserschnittgeburten, mittlerweile wird fast jedes dritte Baby mit dem Skalpell auf die Welt geholt wie eine aktuelle Studie der gesetzlichen Krankenkasse Deutsche BKK zeigt. Vor zehn Jahren waren es in Deutschland nur zirka jedes sechste Kind.

Ist es die Angst vor den Geburtsschmerzen, die Frauen zu diesem Schritt treibt, das Streben nach einem Schönheitsideal oder spielt Geld eine Rolle? Das weiß niemand so genau. Zwar bieten sich für die Kliniken durch den Kaiserschnitt nahe liegende Vorteile: Die Pauschale für einen Kaiserschnitt liegt bei durchschnittlich 2600 Euro, für eine natürliche Geburt gibt es 1400 Euro. Auch ist der Termin eines Kaiserschnitts planbar, so dass das Kind auf die Welt geholt werden kann, wenn die Krankenhäuser zu den regulären Arbeitszeiten voll besetzt sind. Dadurch lassen sich Nacht- und Wochenendzuschläge für das Personal im Kreißsaal sparen.

Für die Mütter geht es nicht um Finanzen

Für Mütter ist die finanzielle Seite aber weniger entscheidend. Ernst-Rainer Weissenbacher ist Professor und Spezialist für Spätgebärende am Universitätsklinikum München und beobachtet, dass oft die Angst vor großen Schmerzen bei der Geburt sowie die Sorge um die eigene Gesundheit und die des Kindes den Ausschlag geben, sich für einen Kaiserschnitt zu entscheiden. „Besonders dann, wenn die Frauen schon älter sind.“ Der wichtigste Faktor für die steigende Anzahl an Kaiserschnitten sei das zunehmende Alter der Mütter. „Wer spät ein Kind bekommt, will keine Risiken eingehen und Geburtskomplikationen vermeiden“, so Weissenbacher. „Deshalb stimmen viele Patientinnen einer Operation zu schnell zu.“

Allerdings verläuft jede Geburt anders und in manchen Situationen haben Ärzte keine andere Wahl, als einen Kaiserschnitt zu machen. Wenn zum Beispiel das Becken der Frau zu eng für eine vaginale Geburt ist, das ungeborene Kind oder die Mutter in Gefahr sind oder die Mutter Mehrlinge erwartet. Genauso wenig können sich mehr als vier Kilogramm schwere Babys durch den Geburtskanal zwängen. „Bei einer komplizierten Geburt dominieren am Ende die Stresshormone im Körper der Schwangeren und des Kindes. Bevor die Geburt vollends zur Qual wird, wird oft ein Kaiserschnitt gemacht, um unnötiges Leid und Stress zu ersparen“, erklärt Professor Klaus Vetter, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie.

Wenn es aber keine Komplikationen bei der Geburt gibt, bringt eine Operation keine Vorteile. Denn über die Schmerzen nach einer Kaiserschnittgeburt, Behinderung der Bewegungsfreiheit und oft Schwierigkeiten beim Stillen werden Mütter oft nicht aufgeklärt. „Der Kaiserschnitt ist nicht schmerzfreier, wenn man die postoperative Phase mit betrachtet“, erklärt Vetter. Zudem haben Forscher in einer aktuellen Studie des US-National Center for Health Statistics beobachtet, dass das Risiko für das Kind bei einem Kaiserschnitt zu sterben höher ist als bei einer natürlichen Geburt: Nach 5,7 Millionen Geburten aus den Jahren 1998 bis 2001 standen 1,77 Todesfälle nach einem Kaiserschnitt 0,62 Todesfällen bei einer natürlichen Entbindung gegenüber.

Weitere Geburten können zum Risiko für Mutter und Kind werden

Auch sind sich Experten nicht sicher, ob ein Kaiserschnitt nicht Gefahren für weitere Geburten birgt. „Ein Kaiserschnitt ist ein erheblicher Risikofaktor für jede folgende Schwangerschaft“, sagt Vetter. Nach der Operation bleibt nämlich eine Narbe zurück, die bei jeder weiteren Entbindung aufbrechen kann, weil das einmal zerschnittene Gewebe nicht mehr so dehnbar ist. Zudem kann sich der Mutterkuchen in den Narbenkrater einnisten und bei der Geburt daran hängen bleiben. Reißt der Mutterkuchen ab, dann entsteht eine lebensgefährliche Situation: Die Versorgung des Kindes mit Sauerstoff und Nährstoffen ist unterbrochen, das Kind kann nach wenigen Minuten zersticken. „Das sind sehr brenzlige Momente, die man bei einer Hausgeburt oder in einem kleinen Krankenhaus unter Umständen nicht rechtzeitig in den Griff bekommt“, so Vetter.

Frauen müssten besser beraten und betreut werden, fordert Vetter daher. „Eine fachgerechte Beratung ist das A und O, um die Situation in der sich die Frau, egal welchen Alters, befindet, richtig einschätzen zu können und dann zu entscheiden, ob die Notwendigkeit eines Kaiserschnittes wirklich gegeben ist.“

Kathrin Burghof
MEDICA.de