Behandlung von Hirnblutungen unter Blutverdünnern

25.02.2015
Foto: Blutbrobe liegt auf einem Erfassungsbogen

Die bislang größte Untersuchung zum Zusammenhang von Hirnblutungen und Blutverdünnern liefert neue Ansätze zur Akuttherapie; ©panthermedia.net/ angellodeco

Mit der bislang größten Untersuchung über den Zusammenhang zwischen Blutverdünnern und Hirnblutungen ist es deutschen Neurologen gelungen, neue Therapieempfehlungen zu erarbeiten.

"Potenzielle Nutznießer sind annähernd 1 Million Menschen, die hierzulande Marcumar und andere Substanzen zur Blutverdünnung einnehmen", so Prof. Martin Grond aus Siegen, 2. Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN).

"Wir wissen jetzt nicht nur, dass wir während einer Hirnblutung die Wirkung dieser Arzneien möglichst vollständig neutralisieren müssen, sondern auch, dass diese Medikamente in der Langzeittherapie vor neuen Schlaganfällen schützen, ohne das Risiko einer neuen Hirnblutung zu erhöhen!, sagt Prof. Joachim Röther, Sprecher der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) und Chefarzt der Neurologischen Abteilung der Asklepios Klinik Altona.

Für die Studie, die im Journal of the American Medical Association (JAMA) veröffentlicht wird, haben Experten aus 19 deutschen Universitätskliniken und Krankenhäusern retrospektiv die Daten von fast 1200 Schlaganfallpatienten ausgewertet. Diese hatten Blutverdünner wie Marcumar bekommen und eine Hirnblutung erlitten. Die Frage der Neurologen war nun, wie sich Maßnahmen zur Hemmung der Antikoagulation und zur Senkung des Blutdrucks kurz- und langfristig auswirken würden.

Wie Studienleiter Prof. Hagen Huttner von der Neurologischen Klinik des Universitätsklinikums Erlangen berichtet, konnte man bei 853 Patienten den Größenzuwachs der Hirnblutung analysieren und bei 307 (36 Prozent) von ihnen eine Volumenzunahme um mehr als ein Drittel dokumentieren. "Verringerte Raten einer Hämatomvergrößerung fanden wir bei einer Reduktion des INR-Wertes unter 1,3 binnen vier Stunden nach der Einweisung", so Huttner. In dieser Gruppe von Patienten hatte man nur bei 19,8 Prozent eine Hämatomvergrößerung beobachtet, während der Anteil unter Patienten mit einem INR ≥ 1,3 mit 41,5 Prozent mehr als doppelt so groß war.

Auch systolische Blutdruckwerte unter 160 mmHg vier Stunden nach der Einweisung waren mit einem verringerten Risiko einer Hämatomvergrößerung assoziiert: In der Gruppe der Patienten, wo dieses Ziel erreicht wurde, wiesen 33,1 Prozent vergrößerte Hämatome auf. Wurde das Ziel verfehlt, waren es dagegen 52,4 Prozent. "Somit haben wir endlich valide Ergebnisse zur Behandlung dieser Patienten und können den Einfluss des Blutdrucks auf Hämatome besser einschätzen", kommentiert Grond. "Das ist sehr hilfreich."

Gemessen wurde auch der Einfluss beider Maßnahmen auf die Mortalität im Krankenhaus. Gelang es, die Blutverdünnung schnell zu neutralisieren bei gleichzeitigen systolischen Blutdruckwerten unter 160 mmHg, so betrug die Sterblichkeit 13,5 Prozent gegenüber 20,7 Prozent, wenn beide Ziele verfehlt wurden.

Zusammen mit ihren Kollegen haben Huttner und Erstautor Dr. Joji Kuramatsu, ebenfalls aus Erlangen, außerdem untersucht, wie häufig unter den Patienten im Jahr nach der Behandlung erneute Hirnblutungen und Schlaganfälle aufgetreten sind, und ob dabei ein Zusammenhang mit der erneuten Gabe von Blutverdünnern besteht. Hier verglichen die Forscher jene 172 Patienten (23,9 Prozent) unter den Überlebenden, die im Therapieverlauf erneut mit Blutverdünnern behandelt wurden, mit jenen, die keine Blutverdünner mehr bekamen. Ischämische Komplikationen traten in der ersten Gruppe mit einer Häufigkeit von 5,2 Prozent auf, in der zweiten Gruppe mit 15 Prozent. Hämorrhagische Komplikationen waren in beiden Gruppen annähernd gleich.

"Die Wiederaufnahme der Blutverdünnung zeigte einen klaren Schutz vor Schlaganfällen, ohne dass wir in unserer Patientenkohorte gleichzeitig ein vermehrtes Auftreten der gefürchteten Hirnblutung beobachteten", so Huttner. "Somit ergibt sich ein Netto-Nutzen zugunsten der Wiederaufnahme der Blutverdünnung."

MEDICA.de; Quelle: Deutsche Gesellschaft für Neurologie