Ein gesundes Gehirn spezialisiert seine beiden Hälften im Laufe seiner Entwicklung: Die linke Hemisphäre stimmt Bewegungen der rechten Körperseite ab und umgekehrt. Studien der Berner Arbeitsgruppe von Privatdozentin Dr. med. Maja Steinlin, Präsidentin der Gesellschaft für Neuropädiatrie, zeigen, dass sich diese "Lateralisierung" bis in die Jugend hinein verstärkt. "Je stärker sich eine Funktion auf eine Gehirnhälfte konzentriert, desto mehr vermag sie zu leisten", erläutert Dr. Steinlin.

Ein Schlaganfall wirkt sich bei Kindern anders aus als bei Erwachsenen. Häufig erholen sie sich davon schneller als ältere Menschen. Denn das Gehirn vermag die Schäden zumindest teilweise auszugleichen, indem es sich reorganisiert: Andere Bereiche im Gehirn übernehmen die Funktionen der geschädigten Region.

Die Berner Forscher untersuchten Kinder, die einseitig einen Schlaganfall erlitten hatten. Hatte der Hirninfarkt größere Schäden verursacht, verlagerten sich sowohl rechts- als auch linksseitige Funktionen vollständig auf die gegenüberliegende Gehirnhälfte. Die Ergebnisse belegen außerdem, dass für die verschiedenen Funktionen in beiden Gehirnhälften unabhängige Netzwerke angelegt sind. Je stärker sich zum Beispiel Sprechen mit der Zeit auf die linke Seite verlagert, desto weniger arbeitet das entsprechende Netzwerk in der rechten Hälfte. Nach einem Schlaganfall kann es zwar erneut aktiv werden, es hemmt dann jedoch das auf dieser Seite bislang vorherrschende Netzwerk für räumliches Vorstellungsvermögen.

Jährlich erleiden fünf bis zehn von 100.000 Kindern einen Schlaganfall. Bei etwa der Hälfte der betroffenen Kinder bleiben Bewegungsstörungen zurück. Bei etwa zwei Drittel der kleinen Patienten sind das Denken und andere Funktionen des Gehirns eingeschränkt. "Ein besseres Verständnis der Reorganisationsmöglichkeiten lässt auf effektivere Rehabilitation der Kinder hoffen", betont PD Dr. Steinlin.

MEDICA.de; Quelle: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften