Bevölkerungsstudie: "Wir möchten die Probanden über viele Jahre begleiten"

Interview mit Dr. Kerstin Wirkner, Leiterin des Leipziger Forschungszentrums für Zivilisationserkrankungen LIFE, Leipzig

Wie entwickeln sich Volkskrankheiten und kann man sie verhindern, wenn man auslösende Faktoren kennt? Eine neue Nationale Kohorte soll in den kommenden Jahren antworten liefern. Mit eingebunden in die Studie ist das Leipziger Forschungszentrum für Zivilisationserkrankungen. Wir sprachen mit Dr. Kerstin Wirkner , die die Studie in Leipzig mit betreuen wird.

24.11.2014

Foto: Junge Frau mit kurzen braunen Haaren - Dr. Kerstin Wirkner

Dr. Kerstin Wirkner; ©privat

Frau Dr. Wirkner, wie viele Menschen werden sie für die neue Nationale Kohorte untersuchen?

Kerstin Wirkner: Die nationale Kohorte ist eine große deutschlandweite Studie, in der 200 000 Bürger auf ihren Gesundheitszustand untersucht werden sollen. Dies passiert in 18 Studienzentren, Leipzig ist eines davon. Wir werden insgesamt 10 000 Studienteilnehmer in den nächsten Jahren bei uns untersuchen. Unsere Teilnehmer werden in einer Stichprobenziehung, also per Zufallsauswahl, über das Ordnungsamt der Stadt Leipzig ermittelt. Sie werden zwischen 20 und 69 Jahren alt sein, wobei sie nach Alter und Geschlecht stratifiziert sind, also immer die gleiche Anzahl Männer und Frauen in einer Altsgruppe. So sind die Vorgaben der Studienzentrale. Alle 18 Studienzentren in Deutschland werden nach den gleichen Arbeitsvorschriften und mit den gleichen Geräten arbeiten. Das ist gut für alle, da man so die ermittelten Daten von Ort zu Ort genau vergleichen kann.

Auf welche Zeitspanne ist das Projekt angelegt?

Wirkner: Die erste Untersuchungswelle läuft bis Ende April 2018, wobei im Anschluss bereits eine Nachuntersuchung geplant ist, die voraussichtlich bis 2022 dauert. Insgesamt möchten wir die Probanden über viele Jahre begleiten, hoffentlich bis mindestens 2040. Es werden also immer wieder Gesundheitsfragebögen an die Teilnehmer rausgehen, aber auch neue Untersuchungen in den Studienzentren stattfinden
Grafik: Viele verschiedene Menschen als Comidfiguren

Die Studie soll einen Informationsquerschnitt durch die Bevölkerung liefern; ©panthermedia.net/ ayelet keshet

Welche Krankheiten werden Sie untersuchen?

Wirkner: Wir sind an den großen Volkskrankheiten interessiert, insbesondere an Herz-Kreislauferkrankungen, Krebs-, Demenz- und Stoffwechselerkrankungen. Es wird immer zwei Untersuchungsgruppen geben. In der einen Gruppe dauern die Untersuchungen etwa drei Stunden, in der anderen etwa sechs Stunden. Der Unterschied entsteht dadurch, dass in der zweiten Gruppe wesentlich ausführlichere Untersuchungen stattfinden werden. Es werden Herzkreislaufdaten aufgenommen, ‒es finden zum Beispiel ein Herzultraschall und Blutdruckmessungen statt ‒ Augenuntersuchungen und ein Hörtest werden durchgeführt. Wir brauchen darüber hinaus Blut- , Urin- und Speichelproben, um Labordaten gewinnen zu können.

Erhalten die Probanden die Ergebnisse Ihrer Untersuchungen?

Wirkner: Die Teilnehmer in Leipzig haben die Möglichkeit, sich einen Abschlussbrief zuschicken zu lassen. Darin befinden sich die wichtigsten Ergebnisse ihrer Tests, zum Beispiel Laborergebnisse. Sollte es auffällige Werte geben, werden die Probanden darauf hingewiesen und es wird empfohlen, mit einem Hausarzt oder Facharzt zu sprechen.

Reicht das aus? Vielleicht stellen Sie bei einem Probanden eine Krebserkrankung fest.

Wirkner: Hier in Leipzig eher nicht, da wir kein MRT verwenden. Es gibt jedoch drei Studienzentren, die magnetresonanztomografische Aufnahmen machen. Theoretisch könnte man also während der Studie auch Zufallsbefunde wie Tumoren ermitteln. Dann würde man aber natürlich ein Einzelgespräch mit dem Studienteilnehmer führen.

Werden auch soziodemografische Aspekte in die Untersuchung mit einfließen?

Wirkner: Natürlich, denn es ist notwendig, dass wir für die Auswertung der Studie auch die Lebensumstände der Teilnehmer kennen. Im Interviewblock werden deshalb einige Fragen dazu gestellt werden. Wir möchten zum Beispiel wissen, ob jemand regelmäßig Sport macht, Raucher ist, in welcher Wohnumgebung er lebt etc.

Wie profitiert die Bevölkerung von dieser Studie?

Wirkner: Die zahlreichen Teilnehmer erhalten zum einen Daten zu ihrem Gesundheitszustand. Zum anderen profitiert die nächste Generation, indem man Erkrankungen demnächst früher und zuverlässiger erkennen kann. Auch möchten wir in Zukunft individuellere Behandlungsmöglichkeiten anbieten können. Mit den Studienergebnissen geben wir in den nächsten Jahren Ärzten die Möglichkeit dazuzulernen und möglichst früh gesundheitsschädliche Aspekte bei ihren Patienten zu erkennen.
Foto: Simone Ernst; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview führte Simone Ernst.
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