Bioaktive Gardinen finden keinen Einzug in die Hygiene

Ein Bett steht in der Ecke eines Zimmers, darin ein Patient, isoliert, jeder, der ins Zimmer kommt, trägt Schutzkleidung und wer ihn anfasst, wäscht sich danach gründlich die Hände. Was wie ein Horrorszenario anmutet, ist Alltag an Krankenhäusern in Deutschland, wenn ein Patient mit MRSA (Methicillin resistenter Staphylococcus aureus) infiziert ist. Ein Händedruck reicht nämlich, um das Bakterium, dem Antibiotika nichts anhaben können, weiterzugeben.

Im Krankenhaus gefährlich: MRSA; © PHIL
 
 

„Bioaktive Gardinen sind kein lebensnotwendiges Produkt, aber sie können ein sinnvoller ergänzender Baustein in den hygienischen Präventivmaßnahmen eines Krankenhauses sein.“ Das sagt Dr. Klaus-Dieter Zastrow, Leiter des Hygieneinstituts am Vivantes Klinikum in Berlin. „Es gibt zwar keine Studien, in denen untersucht wurde, was Gardinen für eine Rolle bei der Verbreitung von Infektionen spielen, wenn aber MRSA in eine Gardine geschmiert wird, dann kann er dort Wochen und Monate überleben.“

Und hier sollen bioaktive Gardinen ansetzen. Eingewebte Silberfäden geben beständig Silberionen ab, die Mikroorganismen töten. In einer Untersuchung Zastrows zeigte sich, dass in bioaktiven Gardinen bis zu 80 Prozent weniger Keime vorkommen als in herkömmlichen. „Auch MRSA wird so unschädlich gemacht“, so der Berliner Hygieniker.

Dr. Roland Schulze-Röbbecke vom Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Düsseldorf hingegen hält bioaktive Gardinen für „absoluten Unfug“: „Vorhänge als Übertragungsquelle, das ist mir unbekannt und meiner Meinung nach irrelevant. Es gibt meines Erachtens auch keine einzige experimentelle Untersuchung, die belegt, dass bioaktive Gardinen Infektionen verhindern könnten.“

Viel sinnvoller seien die Maßnahmen, die in vielen Krankenhäusern mittlerweile zur Routine gehören: Patienten, die einer Risikogruppe wie Diabetes angehören, werden bei der Einlieferung gescreent, indem man mit einem Stieltupfer eine Probe von der Nasenschleimhaut entnimmt. Sollten sie mit MRSA infiziert sein, dann kommen sie in die Isolation. Außerdem spielt die konsequente hygienische Handdesinfektion eine Schlüsselrolle, um die zu verhindern, dass MRSA übertragen wird.

Auch für Dr. Iris Chaberny, die Oberärztin der Krankenhaushygiene in der MHH Hannover sind das Desinfektionsmittel und der Stieltupfer die wichtigste Ausstattung zur Bekämpfung der resistenten Bakterien. „Das wichtigste ist nun mal die hygienische Handdesinfektion“, betont die Ärztin. „Man muss rechtzeitig gucken, ob ein Patient mit MRSA infiziert ist. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt.“ Die Infektionsrate am MHH bestätigt ihre Aussage, denn seitdem auffällige Patienten auf MRSA untersucht werden, sank die Rate der Neuinfektionen um 63 Prozent. Und Gardinen, die könne man schließlich regelmäßig waschen.

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