Blick ins Erbgut per Click and Buy

Foto: Wissenschaftler entziffern den genetischen Code

Gentest ist nicht gleich Gentest:
Manche sagen viel aus, andere noch
nichts; © NCI Visuals Online

„Gentests spielen heute eine ganz bedeutende Rolle für die Diagnose von ererbten und erworbenen Krankheiten“, meint Professor Claus Rainer Bartram, Direktor der Abteilung Humangenetik am Universitätsklinikum Heidelberg. „Ärzte greifen immer wieder darauf zurück, wenn eine Diagnose anhand von Symptomen nicht sicher gestellt werden kann oder aber auch beim gesunden Menschen, um eine Veranlagung zu einer Krankheit festzustellen.“

Mit dem Blick in die menschlichen Chromosome versuchen aber auch Firmen über das Internet ihr Geld zu verdienen: Im GentestShop kann man seit Juli diesen Jahres Tests auf Alzheimer oder Diabetes virtuell in den Einkaufswagen werfen. Das Prozedere ist einfach – eine Speichelprobe genügt – und teuer: 245 Euro für Parkinson, 364 Euro, um mehr über Herz und Kreislauf zu erfahren, und 836 Euro für den teuersten, den „Anti-Aging“-Gentest.

Dafür verspricht der GentestShop auf seiner Webseite einen „Vorsprung“ gegenüber möglichen Krankheiten – bevor diese ausbrechen, könne man ihnen entgegenwirken. Das aus der Schweiz betriebene Unternehmen ist nur die Fortsetzung eines Trends, der schon vor Jahren begonnen hat: DeCodeMe aus Island beispielweise bietet schon seit 1996 ähnlichen Service über das Internet.

Als Reaktion hat die Deutsche Gesellschaft für Humangenetik im Februar diesen Jahres allerdings eine ausdrückliche Warnung vor Gentests verabschiedet: Diagnostische Angebote aus dem Internet bezeichnen die Autoren schlicht als „unseriös“. Denn das „unspezifische Hineinschauen in die Zukunft ohne konkrete Fragestellung“, so Humangenetiker Professor Wolfram Henn vom Universitätsklinikum des Saarlandes und einer der Autoren, sei vor allem teuer.

Häufig Binsenweisheiten

„Die Diagnose durch solche Tests ist oft unsicher, denn in vielen Fällen ist der Stand der Forschung weniger weit, als die Online-Angebote suggerieren“, meint Bartram. Weder für Parodontitis noch Osteoporose gebe es vernünftige Tests für den medizinischen Alltag. Auf beide Krankheiten kann man sich aber jetzt schon per Mausklick testen lassen, genau so wie auf Bluthochdruck und Herzinfarkt, obwohl diese Krankheiten auf einem unüberschaubaren Geflecht an möglichen Ursachen basieren. Die bekannte genetische Veränderung ist oft lediglich ein kleiner Baustein, der den Ausbruch einer Krankheit verursachen kann – zusammen mit vielen anderen Faktoren wie Ernährung und von der Forschung noch nicht entdeckten Genmutationen.

Bei solch komplexen Krankheiten bedeutet ein positives Ergebnis lediglich, dass man ein größeres Erkrankungsrisiko als andere Menschen hat. Wie hoch - oder niedrig - dieses Risiko aber genau ist, kann meist nicht angegeben werden – dazu sind zu viele Unbekannte im Spiel. „Da wird dann häufig nur eine vage erhöhte Chance diagnostiziert“, so Bartram. „Oft kennt man von zwei Dutzend Genen, die eine Krankheit beeinflussen, nur ein oder zwei. Aber selbst wenn jemand nachweislich alle hätte – dann könnte ich ihm immer noch nicht sagen, ob er krank wird, denn dann spielen oft noch die Umwelteinflüsse eine große Rolle.“

Das Ergebnis aus dem Internet bei diesen Tests: eine Menge Binsenweisheiten. „Und die kann ich ihnen auch kostenlos am Telefon sagen: viel Gemüse essen, regelmäßig bewegen, nicht rauchen und wenig Alkohol trinken“, sagt Professor Peter Propping vom Institut der Humangenetik der Universität Bonn. In der Tat erklärt Dagmar Mayer, Laborleiterin des GentestShops, dass sie Kunden, die beispielsweise positiv auf Osteoporose getestet wurden, viel Vitamin D, einen ausgeglichenen Calcium-Haushalt und Sport ans Herz legt, um vorzubeugen.

Beratung schützt vor vorschnellen Entschlüssen

Ähnliche Empfehlungen gibt Mayer auch bei einem erhöhten Risiko für Alzheimer und Parkinson. Sie rät in dem Antwortschreiben denen, die ein bestimmtes Allel aufweisen, das die Wahrscheinlichkeit für Alzheimer erhöht, die Nervenzellen vorbeugend mit Vitamin E zu stützen. Ein Rat, der die Betroffenen kaum beruhigen dürfte - insbesondere, da bis heute ungeklärt ist, ob Vitamin E überhaupt einen Einfluss auf Alzheimer hat.

Da es weder für Alzheimer noch für Parkinson bis heute eine Heilung gibt, ist eine wichtige Frage vor einer Gendiagnostik: „Was kann man nach einem positiven Ergebnis tun?“ Ist die Antwort „Nichts!“, dann ist eine psychologische Beratung vor einem Gentest unverzichtbar, um zu klären, ob die jeweilige Person ein positives Ergebnis überhaupt psychisch verkraften kann und was es ihr persönlich bringt. Der Humangenetiker Henn beobachtet, dass viele Betroffene nach einer vernünftigen ärztlichen Beratung Gebrauch vom Recht auf Nichtwissen machen. Wer aber einen Gentest online bestellt, anstatt zum Arzt zu gehen, erhält weder medizinische noch psychotherapeutische Beratung und steht mit dem Ergebnis allein da: „Damit kommen die Leute dann häufig nicht zurecht", meint Henn.

Kalifornien macht’s vor

„Solche Internetangebote sind für mich fast kriminell“, resümiert Propping. Umso dringender warten er und seine beiden Kollegen auf das Gendiagnostikgesetz. Von diesem Gesetz erhoffen sich die drei Humangenetiker die Sicherstellung einer Beratung durch Fachärzte und Qualitätskontrolle. Gentests für Krankheiten, bei denen ein Test nicht sinnvoll ist und im Prinzip nichts aussagt, sollten ebenso verboten werden wie Labore, die keine kompetenten Funde erstellen, fordern sie und verweisen auf die Fürsorgepflicht des Staates.

In Kalifornien hat es die Gentest-Industrie seit kurzem schwieriger: Dort gibt es bereits Gesetze, die besagen, dass Labore vom Staat zertifiziert sein müssen und Gentests nur über Ärzte angefordert werden dürfen. Nun sind die Firmen vom Gesundheitsamt aufgefordert, nachzuweisen, dass sie beide Kriterien bislang erfüllt haben. In Deutschland stehen verbindliche Regulierungen dagegen noch aus.

Anke Barth
MEDICA.de