Darmerkrankungen: Mehr Patientenkomfort und Autonomie dank App

Interview mit Prof. Martina Müller-Schilling, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Innere Medizin I, Universitätsklinikum Regensburg

04.10.2016

Chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Crohn und Colitis Ulcerosa treten gehäuft in jungen Jahren auf und konfrontieren die Betroffenen ihr Leben lang. Der Gang zur Kontrolluntersuchung alle zwei bis drei Monate ist da Routine. Eine speziell entwickelte App soll nun Abhilfe schaffen.

Bild: Dunkelhaarige, lächelnde Frau im Arztkittel; Copyright: UKR

Prof. Martina Müller-Schilling; © UKR

Im Interview mit MEDICA.de spricht Prof. Martina Müller-Schilling über die App zur Kontrolle von Darmerkrankungen. Mit ihr haben die Betroffenen die Möglichkeit zur Selbsttestung, die ihnen mehr Zeit und Autonomie einräumt. Auch die Arzt-Patienten-Interaktion soll durch den direkten Datentransfer gestärkt werden.

Wie funktioniert die App?

Professor Martina Müller-Schilling: Das Testsystem ist insgesamt ein dreiteiliges Diagnosekonzept: Es  umfasst eine Smartphone-App, einen immunologischen Testkit und ein Ärzteportal. Mit Hilfe des immunologischen Testkits kann der Calprotectinwert – ein Biomarker zum Nachweis für Entzündungen im Darm – im Stuhl gemessen werden. Das Ergebnis wird nach etwa fünfzehn Minuten auf dem Smartphone des Patienten angezeigt und gleichzeitig durch die App eine automatisierte Weiterleitung an das betreuende medizinische Zentrum generiert. Ziel ist eine engmaschige Überwachung des Krankheitszustandes, damit rasch auf einen erhöhten Entzündungswert reagiert werden kann. Damit kann eine Therapie entsprechend rasch angepasst werden.

Welche Patienten sollen sie nutzen?

Müller-Schilling: Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, die in  gastroenterologischen Kliniken und Arztpraxen behandelt werden. Sie erkranken meist in jungen Jahren und sind ihr ganzes Leben lang mit dieser Krankheit konfrontiert. Allein in Deutschland sind mehr als 400.000 Personen von chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen betroffen.

Welche Darmerkrankungen werden mit der App gezielt kontrolliert?

Müller-Schilling: Zu den chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen zählen wir den Morbus Crohn und die Colitis Ulcerosa. Diese Erkrankungen verlaufen klassischerweise in Schüben und können mit einer hohen Krankheitsaktivität und einer starken Entzündung des Darms einhergehen.

Welche Vorteile schafft die App?

Müller-Schilling: Der Vorteil ist, dass der Patient die Untersuchung selbst zuhause durchführen und stärker in die Therapie miteinbezogen werden kann. Wir erhoffen uns dadurch vor allem mehr Autonomie und Komfort für die Patienten. Wir hoffen aber auch, dass wir durch das höhere Informationsniveau der Patienten eine bessere Arzt-Patienten-Interaktion erreichen.

Wie ist der Datenschutz gewährleistet?

Müller-Schilling: Wir benutzen ein System, das nach dem derzeitigen Stand der Technik mit dem maximal möglichen Datenschutz ausgerüstet ist: der Pseudonymisierung. Der gesamte elektronische Datentransfer erfolgt dabei über einen Sicherheitsserver. Bei Speicherung oder Übermittlung elektronischer Patientendaten ist die Patientenidentität immer als Barcode oder Zahlencode verschlüsselt. Die persönlichen Daten der Patienten werden vom Testsystem nie gemeinsam mit Testergebnissen elektronisch gespeichert oder übermittelt. Einzig der behandelnde Arzt kennt den Schlüssel und kann die Testergebnisse mit den einzelnen Patienten in Zusammenhang bringen.

Bild: Startseite der Medizin-App. In der Mitte der Button "Start Test", darunter die Optionen "My Doctor", "History" und "News"; Copyright: Ben Pakalski / www.pakalski.de

Mit der App soll mehr Komfort und Autonomie für die Patienten geschaffen werden; © Ben Pakalski / www.pakalski.de

Inwiefern nimmt die App Einfluss auf das Leben der Patienten?

Müller-Schilling: Den ersten Patienten, den wir eingebunden haben, behandeln wir schon sehr lange. Er hat kürzlich sein Examen bestanden und möchte nun eine Weltreise antreten. Die App bietet ihm diese Möglichkeit. Er kann gleichzeitig mobil und mit uns in Kontakt sein und seinen eigenen Krankheitsverlauf überall auf der Welt selbst kontrollieren. Ohne die App würde er sich die Weltreise wahrscheinlich gar nicht zutrauen.

Die Möglichkeit der Zusammenführung der gesammelten Daten des Patienten könnte vor allem in Notfallsituationen entscheidend sein. Heutzutage kommt es leider immer noch vor, dass Patientendaten bei Notfällen am Wochenende teilweise nicht verfügbar sind.

Wer nimmt an der Studie teil?

Müller-Schilling: Insgesamt nehmen vier Zielgruppen an der Studie teil. Die erste Gruppe sind Patienten mit kürzlich erfolgter Therapieumstellung, bei denen eine engmaschige Kontrolle notwendig ist. Wir vergleichen diese Gruppe mit einer Kontrollgruppe von beschwerdefreien Patienten. Die dritte Gruppe bilden Patienten mit erhöhtem Risiko, zum Beispiel schwangere Patientinnen mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, bei denen eine engmaschige Kontrolle erforderlich ist. In der vierten Gruppe werden Patienten mit chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen mittels Fragebögen und entsprechenden Kontrollen daraufhin untersucht, ob die App mehr Autonomie und Zeitgewinn bringt.

Was wird in der Studie geprüft und getestet?

Müller-Schilling: Wir überprüfen in der Studie, ob durch eine Selbsttestung der Patienten mit chronisch-entzündlicher Darmerkrankung der Therapieverlauf besser überwacht werden kann. Gleichzeitig prüfen wir den Patientenkomfort im Hinblick auf Autonomie und Zeitersparnis und gehen der Frage nach, ob wir, die Ärzte, schneller auf erhöhte Werte reagieren als bei einem traditionellen Zyklus der Wiedervorstellung alle zwei oder drei Monate. Wichtig ist auch, zu testen, inwieweit die App zur engmaschigen Kontrolle von hochsensiblen Patienten geeignet ist.

Lässt sich Ihrer Meinung nach die App oder ihr Prinzip auch bei anderen Erkrankungen anwenden?

Müller-Schilling: Ich kann mir eine Ausdehnung dieser Technik auf viele verschiedene Bereiche, Funktionen und Krankheiten vorstellen. Wir müssen dieses Potenzial so nutzen, dass es sowohl für gesunde als auch für kranke Menschen einen optimalen Nutzen und Gewinn für das Leben und die Gesundheit bringt: Vermittlung des allgemeinen Gesundheitszustandes, von Krankheitsdispositionen, Informationen über Vorsorge, die nächsten Schritte, die getan werden müssen und so weiter. All dies wäre denkbar.

Was lässt sich noch optimieren?

Müller-Schilling: Um genau diese Frage beantworten zu können, machen wir die Studie. Je nach Ergebnis können wir dann sehen, wo Optimierungsbedarf besteht. Wichtig ist, dass alle daran beteiligten Akteure im Gesundheitssystem – Patientenverbände, Ärzte, Ethiker, Informatiker, Juristen, Politiker – zusammenkommen, um Qualitätskriterien für solche Anwendungen zu definieren. Ziel muss es sein, eine Synthese aus Daten, Wissen,  Anwendung und Datensicherheit zu schaffen.

Könnte sich die App bei der Kontrolle von Darmerkrankungen in Zukunft etablieren?

Müller-Schilling: Das ist das Ziel dieser Studie. Wir haben eben bewusst eine Krankheitsentität ausgewählt, die junge Menschen betrifft, die lebenslang mit dieser konfrontiert sind. Mit der App erhoffen wir uns einen autonomen Patienten, der aber in Kontakt mit uns sicher durch seine Krankheit geführt wird.

Das Interview wurde geführt von Nicole Kaufmann.
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