"Die evidenzbasierte Medizin hat mit dem klinischen Alltag der Ärzte oft nur wenig gemein", beklagt Professor Dr. med. Feraydoon Niroomand vom Evangelischen Krankenhaus in Mülheim an der Ruhr. Angewandte Studienergebnisse müssten deshalb unbedingt durch Patientenregister überprüft werden. Oft gelte der Nutzen einer Behandlung bereits dann als erwiesen, wenn dieser statistisch bedeutsam ist. "Dabei wird jedoch das tatsächliche Ausmaß des Nutzens einer neuen Therapie gerne unterschlagen", bedauert Niroomand.

Moderne medizinische Erkenntnisse stützen sich auf vorausschauende, zufallsverteilte kontrollierte Studien. Die Probleme solcher Studien beginnen nicht selten bereits bei den Ein- und Ausschlusskriterien: "Die Kriterien können entweder so weit oder auch so eng gefasst sein, dass sie mit dem Patienten in der Klinik nichts mehr gemein haben" sagt Professor Niroomand.

Ein Beispiel: Eine Studie untersucht die Wirksamkeit eines Medikaments gegen Bluthochdruck. Als Probanden dienen Patienten zwischen 18 und 80 Jahren. Die individuelle Krankengeschichte bleibt in einer so gemischten Gruppe naturgemäß auf der Strecke. "Ob der Patient männlich oder weiblich, alt oder jung ist und welche Begleiterkrankungen er hat, wird hierbei gar nicht unterschieden", so Niroomand. Zudem sei die Laufzeit der Studien häufig zu kurz. Die langfristige Wirkung einer Therapie werde nicht erfasst, obwohl gerade diese für den klinischen Alltag oftmals besonders interessant sei. Für problematisch hält der Mediziner auch fehlerhaftes Design der Studien oder statistische Mängel bei der Auswertung der Daten.

Grenzen der "modernen Studienmedizin" diskutieren Experten im Rahmen der 79. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), die vom 20. bis 22. September 2006 in Mannheim stattfindet.

MEDICA.de; Quelle: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften