MEDICA.de: Mangelt es den Deutschen speziell im Frühling an Vitaminen und Mineralstoffen?

Müller-Nothmann: Ein direkter Mangel besteht nicht. Mangelerkrankungen wie Beri Beri, Skorbut oder Pellagra treten in Deutschland höchst selten auf. Ernsthafte Mangelerscheinungen treten nur bei chronisch Kranken oder Suchtkranken wie starken Rauchern oder Alkoholikern auf. Prinzipiell gefährdet können auch Personen in besonderen Situationen wie Schwangere oder Menschen sein, die starkem Stress ausgesetzt sind.

Eine leichte Unterversorgung im Frühling kann aber durchaus beobachtet werden. Dabei ist speziell das Vitamin D zu erwähnen, welches bei Sonneneinstrahlung in der Haut gebildet wird. Da die Haut in den Wintermonaten wenig Sonne bekommt, wird weniger Vitamin D produziert.

Außerdem wird im Winter und Frühling vermindert Fluor und Jod aufgenommen. Das gilt auch für die in grünem Blattgemüse enthaltene Folsäure. Der Verzehr von Vitamin C hingegen ist ausreichend, hier besteht nach meiner Erfahrung keine Unterversorgung.

MEDICA.de: Gibt es spezielle Symptome, wenn man unter Vitamindefiziten leidet?

Müller-Nothmann: Eindeutige Anzeichen gibt es nicht. Diffuse, unspezifische Symptome wie Müdigkeit und Antriebslosigkeit können auf ein Vitamindefizit hinweisen, aber auch viele andere Ursachen haben. Vitamine sind zwar lebensnotwendig, aber nicht für alles verantwortlich.

Es sind eher langfristige Auswirkungen, die nicht sofort spürbar sind: Vitamin D unterstützt beispielsweise die Kalziumaufnahme im Dünndarm. Und das ist wichtig für den aktiven Knochenschutz und um Osteoporose vorzubeugen. Ein Fluorid-Defizit führt dazu, dass die Zähne anfälliger für Karies sind. Zu wenig Jod kann die Gefahr der Kropfbildung erhöhen. Vitamin D, Kalzium aber auch Vitamin K und Fluorid sind wichtig für einen optimalen Knochenschutz.

Ein Folsäure-Mangel hat mehrere Auswirkungen: So kann er während der Schwangerschaft die Gefahr erhöhen, den Fötus zu verlieren. Weiter gibt es Studienergebnisse, die ein erhöhtes Risiko für eine Spina bifida-Erkrankung des neugeborenen Kindes prognostizieren.

Zu wenig Folsäure verursacht auch einen erhöhten Homozysteinspiegel, was die Arteriosklerose begünstigt, also einen Risikofaktor für Herzinfarkt in die Höhe treibt. Um den Homocysteinspiegel wirksam zu senken benötigt man ausreichend Folsäure, Vitamin B6 und B12.

MEDICA.de: Kann es denn zu einer Überversorgung an Vitaminen kommen?

Müller-Nothmann: Ja, theoretisch schon. Dabei sind fettlösliche Vitamine wie Vitamin A, D, E und K wesentlich kritischer zu betrachten als wasserlösliche wie Vitamin C. Die Wasserlöslichen können leichter mit dem Urin wieder ausgeschwemmt werden. Die fettlöslichen Vitamine führen dagegen in stark überhöhter Konzentration zu Leberschädigungen, Blutungsstörungen und Vergiftungserscheinungen. Bei Nahrungsergänzungsmitteln sollte man sich immer strikt an die Packungsanleitung halten und nicht nach dem Motto "viel hilft viel" agieren.

MEDICA.de: Ist eine Überdosis möglich, wenn man ganz normal isst?

Müller-Nothmann: Nein. Schädigende Konzentrationen der Vitamine können nur durch eine extrem einseitige Ernährung oder durch übertriebenen Konsum an Nahrungsergänzungsmitteln erreicht werden.


Mehr Informationen zu Ernährung finden Sie bei der Gesellschaft für Ernährungsmedizin und Diätetik e.V.

cg / MEDICA.de