Dem Immunsystem ein Schnippchen schlagen

Foto: Pillen

Bisher müssen Medikamente das
Immusystem austricksen; © SXC

„Zukunft schenken, Organe spenden“ - so lautete Anfang Juni das Motto beim bundesweiten Tag der Organspende. Aber der menschliche Körper ist kompliziert und nimmt nicht jedes Geschenk an. Ist das Spenderorgan endlich verpflanzt, wird das Immunsystem des Empfängers aktiviert – und es sieht in der neuen Leber, Niere oder Lunge einen Feind, den es zu bekämpfen gilt. Eine Forschergruppe um Professor Fred Fändrich von der Klinik für Allgemeine Chirurgie und Thoraxchirurgie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel, forscht seit Jahren nach einem Weg, um die Abwehrreaktion gegen das fremde Organ zu unterbinden, und zwar auf natürliche Weise, fast ohne Medikamente. Die Fachzeitschrift Transplant International hat erste Ergebnisse im August dieses Jahres veröffentlicht.

Die Idee der Forscher: Zellen des Spenders werden mit Zellen des Empfängers vermischt und dem Organempfänger in veränderter Form gespritzt, damit er sich sanfter an die fremden Zellen gewöhnen kann. Im Prinzip so wie bei einer Desensibilisierung von Allergikern, nur mit dem Unterschied, dass lediglich eine Dosis nötig ist. Seit 2004 haben die Forscher 17 Patienten nach einer Nierentransplantation mit dieser Zelltherapie behandelt. Das Ergebnis erscheint vielversprechend: Ein Patient lebt seit acht Monaten komplett ohne Immunsuppressiva, alle anderen Patienten benötigen nur noch eine minimale Dosis der Medikamente.

Kern der Therapie sind Regulator-Zellen

„Zunächst isolieren wir Monozyten vom Spender“, erklärt Fändrich. „Diese werden mit einem Wachstumsfaktor und dem Zytokin Gamma-Interferon behandelt. Der Wachstumsfaktor stimuliert die Zellen zum Wachsen und Teilen, durch das Zytokin verändert sich ihre Oberfläche und es entstehen Zellen mit bestimmten Toleranzeigenschaften.“ Aus den Monozyten werden so Regulator-Zellen, auch Transplant-Akzeptanz-Induzierende-Zellen (TAIZ) genannt, und die werden mit Lymphozyten des Patienten co-kultiviert. „Vermischt man die TAIZ mit den Lymphozyten, verbinden sie sich an der Oberfläche. Dadurch entstehen regulatorische T-Zellen, die die Spenderzellen nicht mehr als fremd angreifen. Die Abstoßung der neuen Niere wird gestoppt“, so Fändrich.

Andere Gefahren wie beispielsweise Krebszellen erkennt und bekämpft das veränderte Immunsystem aber nach wie vor. Ein großer Vorteil zu den Immunsuppressiva. Denn die unterscheiden nicht zwischen Spender- und Krebszellen und unterdrücken die Immunreaktion gegen beide Zellarten gleich. Die Folgen: Es können leichter Tumoren entstehen, durch die allgemeine Schwächung des Immunsystems können sich Bakterien besser vermehren, der Patient ist also anfälliger für Infekte. Außerdem wird der Stoffwechsel durch die Medikamente schneller gestört und das macht die Entwicklung eines Diabetes wahrscheinlicher.

Endgültige Ergebnisse stehen noch aus

Doch ganz ohne Medikamente geht es bei der Zelltherapie nicht. Alle Organempfänger in Fändrichs Studie erhielten nach der Transplantation zunächst eine konventionelle Immunsuppression mit drei Medikamenten. Diese konnten aber schon nach wenigen Wochen erheblich reduziert werden. „Normalerweise benötigen die Organempfänger ein Jahr nach der Transplantation immer noch zwei Medikamente“, sagt Fändrich. Durch die Zelltherapie konnte aber zum Beispiel Cortison schon nach zehn Wochen abgesetzt werden. Nach 24 Wochen kamen die Patienten sogar mit nur einem Medikament in sehr geringer Dosis aus.

Allerdings betont Fändrich auch, dass es sich bisher nur um vorläufige Ergebnisse handelt. „Wissenschaftlich gesehen ist die Sache etwas zweischneidig, da uns die Kontrollgruppe fehlt“, erklärt er. Dies nachzuholen sei aber der nächste Schritt. „Wir müssen einen Weg finden, die Patienten in der Kontrollgruppe nicht zu gefährden.“ Ethisch ist es nicht vertretbar, der Kontrollgruppe die minimale Medikamentendosis zu verwehren und damit zu riskieren, dass sie das Organ vielleicht abstoßen. Ob sich die Zelltherapie letztendlich als Durchbruch in der Transplantationsmedizin erweist, wird sich in einigen Jahren klären.

Simone Heimann
MEDICA.de