Den Krebs radikal bekämpfen

26/01/2015
Foto: Querschnitt eines Körpers zeigt Tumor

Die dunklen Flecken in der Leber zeigen: Der Tumor ist weit fortgeschritten – er kann nicht mehr chirurgisch entfernt werden; © UniversitätsSpital Zürich (USZ)

Um Tumore zu behandeln, reduzieren gängige Krebstherapien die Sauerstoffzufuhr zum kranken Gewebe. Nun gehen Ärzte des Schweizer Zentrums für Leber- und Pankreaskrankheiten am UniversitätsSpital Zürich (USZ) im Rahmen einer Studie einen völlig neuen Weg: Sie fördern die Sauerstoffzufuhr zum Tumor, statt sie zu verhindern. Ein von einem Nobelpreisträger mitentwickeltes vielversprechendes Medikament kommt dabei erstmals weltweit bei Patienten zum Einsatz.

Tumore in den Bauchorganen gehören zu den häufigsten und bösartigsten Krebserkrankungen: Allein in der Schweiz erkranken pro Jahr rund 6.000 Menschen daran. Hat sich der Krebs noch nicht stark ausgebreitet, kann der Tumor chirurgisch entfernt und der Patient meist geheilt werden. Bei der Mehrheit der Patienten ist dies jedoch nicht möglich, da der Tumor bereits weit fortgeschritten ist.

Dann behandeln die Ärzte die Betroffenen mit Chemotherapie oder bestrahlen den Tumor. So können sie zwar das Leben der Patienten verlängern, nehmen damit aber auch Nebenwirkungen in Kauf. Zudem führen gängige Behandlungen dazu, dass die Gefäßbildung in den Tumoren gehemmt wird und entsprechend weniger Sauerstoff zum Tumor gelangt. Davon versprach man sich lange eine Abschwächung des Tumorwachstums. Neuere Studien haben aber gezeigt, dass ein Sauerstoffmangel im Tumor dazu führen kann, dass der Tumor aggressiver wird und Ableger in anderen, sauerstoffreichen Geweben bildet.

Im Schweizer Zentrum für Leber- und Pankreaskrankheiten des USZ arbeiten Onkologen, Gastroenterologen, Hepatologen und Viszeralchirurgen eng miteinander zusammen. Prof. Pierre-Alain Clavien, Direktor der Klinik für Viszeral- und Transplantationschirurgie und Dr. Përparim Limani vom Zentrum für Leber- und Pankreaskrankheiten am USZ entwickelten in enger Zusammenarbeit mit Prof. Roger Stupp, Direktor der Klinik für Onkologie, und seinem Team ein neues Therapiekonzept, welches nun in einer vom Zentrum initiierten Studie geprüft wird. Dieses Konzept verkörpert genau das Gegenteil des landläufigen Therapieansatzes: Statt die Sauerstoffversorgung im Tumor durch die gängigen Behandlungen zu verringern, wird die Sauerstoffaufnahme im kranken Gewebe bewusst begünstigt. Dazu setzen die Ärzte das Molekül Inositol Trispyrophosphat (ITPP) ein, das die vom Krebs veränderten Blutgefäße im Tumor normalisieren soll. Damit erhoffen sie sich, die Wirksamkeit der Chemotherapie oder der Bestrahlung zu erhöhen und krebsfördernde Wege zu hemmen.

Swissmedic, die schweizerische Zulassungsbehörde für Heilmittel und die Kantonale Ethikkommission Zürich haben ITPP Mitte Januar 2015 zugelassen. Das Studienmedikament wurde von einer Forschungsgruppe des Nobelpreisträger Prof. Jean-Marie Lehn (Chemie) an der Universität Straßburg entdeckt und in enger Zusammenarbeit mit dem Biologen Prof. Claude Nicolau aus Boston im Tiermodell entwickelt. Limani und Clavien haben das Medikament weiter im Tiermodell erforscht. «Die eindrücklichsten anti-tumoralen Effekte wurden bei einer Kombination des Medikaments mit einer konventionellen Standard-Chemotherapie beobachtet», sagt Clavien. Auch bei Verabreichung des Medikaments ohne Kombination mit anderen Therapien sei die Lebensdauer gestiegen und die Zahl und Größe der Tumoren habe sich reduziert.

Jetzt wird das vielversprechende Krebsmedikament im Rahmen einer klinischen Studie bei 70 Patienten angewendet. Dabei erhalten Patienten mit Leber-, Bauchspeicheldrüsen- oder Gallengangskrebs sowie Patienten mit Metastasen von Dickdarmkrebs das Studienmedikament. Anschließend unterziehen sie sich einer individuell angepassten Chemotherapie. Die Forschenden interessiert, ob bei den Patienten, die das Studienmedikament eingenommen haben, bessere Ergebnisse resultieren. Ein Augenmerk richtet die experimentelle Studie aber auch auf die weitere Prüfung der Verträglichkeit und der Sicherheit des Medikaments. Die ersten Erkenntnisse erhoffen sich die Ärzte in spätestens einem Jahr.

MEDICA.de; Quelle: UniversitätsSpital Zürich (USZ)