Multiple Sklerose: Den Therapieerfolg vorhersagen

17.01.2014
Foto: Synapsen

Mit transkranieller Magnetstimulation wird die Leitfähigkeit der Nerven bei MS-Patienten gemessen. Das gibt Aufschluss über den Therapieerfolg mit Fampridin; © panthermedia.net/
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Menschen mit Multipler Sklerose leiden häufig unter einer Gangstörung. Ein Medikament dagegen wirkt allerdings nur bei weniger als der Hälfte von ihnen. Mediziner der Neurologischen Uniklinik Würzburg haben eine Methode entwickelt, den Behandlungserfolg vorherzusagen.

Bei Multipler Sklerose (MS) finden sich Entzündungsherde in Gehirn und Rückenmark, die abhängig von Lage und Größe mehr oder weniger schwere Symptome hervorrufen. Viele Patienten leiden unter einer Gangstörung, die sie im Alltag stark einschränkt. Mittel der Wahl ist in diesem Fall der Wirkstoff Fampridin, der seit 2011 in Deutschland zugelassen ist. Er blockiert Kaliumkanäle auf der Oberfläche von Nervenzellausläufern und kann damit die Leitfähigkeit der Nervenfasern verbessern. Betroffene können nach der Einnahme von Fampridin wieder schneller gehen; gleichzeitig berichten sie, dass sie sich beim Gehen sicherer fühlen.

Allerdings profitiert weniger als die Hälfte der Patienten mit MS tatsächlich von der Einnahme des Präparates. Die Gehfähigkeit der übrigen ändert sich nicht. Deshalb müssen Ärzte heute das Medikament ihren Patienten erst einmal für zwei Wochen zur Probe geben. Nur wenn sich die Gehfähigkeit nach dieser Zeit deutlich verbessert hat, dürfen sie das Mittel dauerhaft verschreiben. Eine Methode, den Therapieerfolg vorherzusagen, haben jetzt Wissenschaftler der Universität Würzburg entwickelt. Das Team um die Mediziner Dr. Daniel Zeller und Dr. Mathias Buttmann setzt dafür auf die sogenannte transkranielle Magnetstimulation – eine schmerzlose Untersuchungstechnik, die ohne den Einsatz schädlicher Strahlen arbeiten und die schon seit vielen Jahren bei klinischen Routinemessungen verwendet wird.

„Wir haben den Zusammenhang zwischen der Leitgeschwindigkeit motorischer Bahnen im zentralen Nervensystem und dem Ansprechen der Gangstörung auf Fampridin bei Patienten mit MS genauer untersucht“, erklärt Zeller. Ihre Ergebnisse sind eindeutig: „Mit Hilfe der Magnetstimulation lässt sich bereits im Voraus sagen, ob Fampridin bei dem jeweiligen Patienten eine Verbesserung der Gehfähigkeit bewirkt.“ Vor dem Behandlungsbeginn mit Fampridin haben sie bei 20 Patienten mit Hilfe der transkraniellen Magnetstimulation die sogenannte zentralmotorische Latenz (ZML) bestimmt. Das ist die Zeit, die ein elektrischer Impuls benötigt, um von der Hirnrinde bis zur Nervenwurzel auf Höhe der Wirbelsäule zu gelangen. „Die zentralmotorische Latenz spiegelt in erster Linie den Schädigungsgrad motorischer Bahnen infolge entzündlicher Entmarkungsherde wider“, erklärt Zeller.

Ebenfalls vor Behandlungsbeginn sowie zusätzlich am Tag 14 der Einnahme von Fampridin haben die Wissenschaftler die Gehgeschwindigkeit ihrer Studienteilnehmer gemessen. Erst wenn die Geschwindigkeit über zwei verschiedene Distanzen um mindestens 20 Prozent gestiegen war, werteten sie dies als Therapieerfolg.

Dabei zeigte sich ein signifikanter Zusammenhang zwischen der ZML und der Änderungen der Gehgeschwindigkeit während der Einnahme von Fampridin: Je deutlicher die ZML vor Therapie verlängert war, desto besser sprachen die Patienten auf das Medikament an. Darüber hinaus war die durchschnittliche ZML vor Therapiebeginn in der Gruppe der Therapie-Ansprecher (Responder) signifikant höher als bei denjenigen Patienten, die nicht auf Fampridin ansprachen (Non-Responder). Dasselbe Ergebnis zeigte sich auch, als die Wissenschaftler das Ansprechkriterium auf eine zehnprozentige Verbesserung in beiden Gehstrecken lockerten.

Zusammengefasst zeigt die Studie: Allen Patienten mit einer normalen ZML brachte die Einnahme von Fampridin keine Verbesserungen der Gehgeschwindigkeit. Alle Teilnehmer, bei denen das Medikament Wirkung zeigte, hatten vor Beginn der Therapie eine verlängerte ZML. Und nur bei einem Teil der Patienten mit einer verlängerten ZML blieb die Fampridin-Therapie erfolglos.

„Dieses Ergebnis ist gut mit dem vermuteten Wirkmechanismus von Fampridin vereinbar“, sagt Daniel Zeller. Schließlich verbessert der Wirkstoff die Reizleitung in zentralen Leitungsbahnen und deren Leitgeschwindigkeit. Insbesondere aber weist die Studie darauf hin, dass MS-Patienten mit einer normalen zentralen Leitungszeit höchst wahrscheinlich nicht von Fampridin profitieren werden, während eine ZML-Verlängerung vor Therapiebeginn die Chance auf ein Ansprechen erhöht.

MEDICA.de; Quelle: Universität Würzburg