Der Drang zur Wanne verleiht Kräfte

Fälle von Verbrühungen werden
von Ärzten meist skeptisch beäugt
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Verbrühungen sind die häufigste Art der Hautverbrennung im Kindesalter. Viele Eltern behaupten dann: "Mein Kind ist in die mit heißem Wasser gefüllte Badewanne gefallen." Bislang haben Ärzte solche Behauptungen oft als Ausrede angesehen und vermuteten einen Akt von Kindesvernachlässigung oder gar Kindesmisshandlung. Häufig zu Recht. Doch: Offenbar ist an solchen Behauptungen der Eltern mehr dran, als man bisher dachte: Kleinkinder haben bereits sehr früh die Fähigkeit, in eine Badewanne zu klettern - und sich dort zu verbrühen.

Das haben nämlich Mediziner des Children's Hospital of Michigan in Detroit, USA, festgestellt. In ihrer Klinik installierten sie eine Standard-Badewanne in einem Versuchsraum. Um die ganze Sache anziehender und spannender zu machen, sorgten sie für ordentlich wohl riechenden Schaum in und vor der Badewanne und verteilten Spielzeugschiffe. Eine unauffällige Videokamera vervollständigte das nasse Szenario.

Dann setzten die Wissenschaftler 176 gesunde Kinder im Alter zwischen zehn und 18 Monaten mit ihren Müttern in dieses Zimmer. Die Mütter hielten ihre Kinder in einer aufrechten Position vor der Badewanne und ermutigten sie, über den Rand zu klettern. Jedes Kind hatte fünf Minuten Zeit, diese Aufgabe zu erfüllen.

Tatsächlich schafften es 62 Kinder (35 Prozent), aus eigener Kraft in die Badewanne zu klettern. 25 Prozent kletterten mit dem Kopf zuerst darüber und die anderen seitlich.

Die Studienautoren schließen daraus, dass es Kleinkindern durchaus möglich ist, sich aus eigener Kraft ungewollt Verbrühungen beizubringen und solche Fälle nicht auf absichtlicher Misshandlung durch irgendwelche Personen zurückzuführen sein müssen. Dennoch fordern die Autoren, Fälle von Verbrühungen im Kindesalter weiterhin argwöhnisch zu beurteilen.

MEDICA.de; Quelle: Pediatrics 2005, Vol. 115, S. 1419-1421