Diabetes Mellitus: Gefährliche Folgen, gute Präventionsmöglichkeiten

Interview mit Prof. Dirk Müller-Wieland, Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG)

Diabetes ist eine Zivilisationskrankheit, die mit gefährlichen Folgen für den einzelnen Patienten und die gesamte Gesellschaft verbunden ist. Mit gezielten Präventionsmethoden kann man der Krankheit jedoch erfolgreich vorbeugen.

22.07.2014

Foto: Lächelnder älterer Mann mit Brille und Anzug - Prof. Dirk Müller-Wieland

Prof. Dirk Müller-Wieland; ©Deutsche Diabetes Gesellschaft

Prof. Dirk Müller-Wieland von der Deutschen Diabetes Gesellschaft spricht auf MEDICA.de über das Problem, das Diabetes Mellitus darstellt, und wie wichtig Prävention ist.

Prof. Müller-Wieland, inwiefern ist Diabetes ein Problem in der Gesellschaft?

Dirk Müller-Wieland
: Diabetes Mellitus stellt insofern ein Problem in der Gesellschaft dar, da diese Erkrankung eine häufige Ursache für viele Folgeerkrankungen und Komplikationen ist. Im Moment gehen wir von circa acht bis elf Millionen Patienten in Deutschland aus, die von der Krankheit betroffen sind. Diabetes ist die häufigste Ursache für Neuerblindung und Versagen der Nierenfunktion in Deutschland. Auch schmerzhafte Nervenveränderungen treten bei Patienten oft als Folge auf. Diese Erkrankungen sind bei 20 bis 30 Prozent der Patienten bereits zum Zeitpunkt der Diagnosestellung vorhanden.

Zum anderen ist das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Patienten mit Diabetes Mellitus zwei bis drei Mal so hoch wie bei Patienten ohne Diabetes. Auch die Häufigkeit des Vorhofflimmerns und damit das Risiko eines Schlaganfalls treten bei Diabetes-Patienten circa zwei Mal öfter auf.

Diese Erkrankung stellt deshalb nicht nur ein Risiko für den einzelnen Patienten dar, sondern durch die Spätkomplikationen und damit verbundene Gesundheitsausfälle ist sie auch ein Problem für die gesamte Gesellschaft.

Wie sehr unterscheidet sich die Therapie, wenn die Diagnose bei einem Kind oder einem Erwachsenen erstellt wird?

Müller-Wieland
: Die Therapie ist grundsätzlich verschieden, weil es auch völlig unterschiedliche Erkrankungen sind. Der Diabetes Mellitus, der im Kindesalter auftritt, ist eine Autoimmunerkrankung. Aus Gründen, die wir bis jetzt noch nicht kennen, identifiziert der Körper Strukturen von Zellen, die das Insulin produzieren, als „fremd“. Dadurch werden sie langsam zerstört. Die Therapie besteht darin, das fehlende Insulin zu ersetzen und den erhöhten Blutzucker zu kontrollieren.
Foto: Menschen mit Übergewicht von hinten

Diabetes führt zu zahlreichen Folgeerkrankungen, die sich unter anderem durch Kontrolle verschiedener Risikofaktoren, wie zum Beispiel Übergewicht, deutlich reduzieren lassen; ©panthermedia.net/ Jakub Cejpek

Bei Patienten mit Typ 2-Diabetes hingegen, der meist im Erwachsenenalter auftritt, ist ein wesentlicher Faktor, dass Insulin nicht adäquat wirkt, obwohl es vorhanden ist. Ursachen für diese Insulin-Resistenz sind vielfältig. Bisher unbekannte erbliche Anlagen und Veränderungen der Menge sowie Verteilung von Körperfett spielen hierbei eine wichtige Rolle. Ganz im Vordergrund stehen deshalb die sogenannten therapeutischen Lebensstilmaßnahmen. Dazu gehören Gewichtsreduktion und Erhöhung der körperlichen Aktivität; wenn das nicht ausreicht, wird eine medikamentöse Therapie angewendet.

Es gibt auch die Möglichkeit, Patienten mit Typ 2-Diabetes durch Insulingaben zu behandeln. Ab wann würde man zu dieser Methode greifen?

Müller-Wieland
: Das ist eine Ultima Ratio: Wenn die Veränderung des Lebensstils und medikamentöse Maßnahmen den Blutzucker nicht ausreichend senken, dann greift man auf Insulinspritzen zurück. Die Patienten nehmen dann aber häufig an Gewicht zu, statt es zu verlieren, und es besteht das Risiko einer Unterzuckerung.

Mit welchen Folgen ist unbehandelter Diabetes in den verschiedenen Lebensphasen verbunden? Wann würden sich welche Folgeerkrankungen einstellen?

Müller-Wieland
: Akute Bedrohung bei Patienten mit Typ-1-Diabetes, sind Entgleisungen des Stoffwechsels durch zu wenig oder zu viel Insulin. Für Patienten mit Typ-1- und Typ-2-Diabetes gilt, dass Spätkomplikationen der kleinen Gefäße abhängig von der Qualität der Blutzuckereinstellung sind. Bei Patienten mit Typ-1-Diabetes treten sie meist erst nach mehreren Jahren Diabetesdauer auf. Allerdings muss hierbei beachtet werden, dass diese Art des Diabetes schon im frühen Kindesalter auftreten kann. Bei Patienten mit Typ-2-Diabetes, der vorwiegend bei Erwachsenen diagnostiziert wird, können sie bereits zur Diagnosestellung beobachtet werden. Zudem ist bei Diabetes das Risiko für Komplikationen der großen Gefäße wie Herzinfarkt und Schlaganfall erhöht.

Alle Folgeerkrankungen lassen sich durch eine frühe, effektive und sichere Senkung des Blutzuckers sowie Kontrolle beziehungsweise Vermeidung anderer Risikofaktoren, wie zum Beispiel Übergewicht, Rauchen, erhöhter Blutdruck und veränderte Blutfettwerte, deutlich reduzieren.

Wie wichtig ist die Diabetes-Prävention und welche Maßnahmen werden diesbezüglich ergriffen?

Müller-Wieland
: Verschiedene Studien – wie eine große amerikanische Studie zur Diabetes-Prävention, die wir kürzlich beim Amerikanischen Diabetes Kongress in San Francisco diskutiert haben – zeigen, dass die Diabetes-Prävention extrem wichtig ist. Dabei hat sich gezeigt, dass man mit intensiven Lebensstilmaßnahmen, wie Gewichtsreduktion, gesunder Ernährung und körperlicher Aktivität innerhalb von drei Jahren die Wahrscheinlichkeit, dass ein Diabetes auftritt, bei Risiko-Menschen mit Übergewicht um circa 60 Prozent senken kann. Deshalb spielt es eine große Rolle, dass die Bevölkerung diesbezüglich gut aufgeklärt wird. Das ist unter anderem ein Anliegen der Deutschen Diabetes Gesellschaft und der Dachorganisation diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe, die die Politik seit Jahren für das Thema sensibilisieren und für einen nationalen Diabetes-Plan gewinnen wollen.
Foto: Michalina Chrzanowska; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview führte Michalina Chrzanowska. 
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