Diabetes: Neue internationale Behandlungsempfehlungen

22.05.2015
Foto: Blutzuckermessgerät liegt auf Dokumentationsheft

Zu den wichtigsten Therapiezielen beim Typ-2-Diabetes zählen auch die Vermeidung von Übergewicht, Bluthochdruck und schweren Unterzuckerungen; ©panthermedia.net/ gabriella

In der Behandlung des Typ-2-Diabetes steht den Ärzten mittlerweile ein rundes Dutzend unterschiedlich wirkender Medikamente zur Verfügung. Dies eröffnet die Möglichkeit, bei der Auswahl der Mittel stärker als bisher auf die Bedürfnisse der einzelnen Patienten einzugehen. Die führenden Fachgesellschaften aus den USA und Europa haben sich deshalb auf eine neue gemeinsame Empfehlung geeinigt.

Diese wird auch von der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) mitgetragen. Jetzt zählt nicht mehr nur die Senkung des hohen Blutzuckerspiegels, sondern auch die Vermeidung von Übergewicht, Bluthochdruck und schweren Unterzuckerungen zu den wichtigsten Therapiezielen.

Die Senkung des hohen Blutzuckers zur Vermeidung mikrovaskulärer Komplikationen, die häufig Ursache für Erblindung, Verlust der Nierenfunktion und schwere Nervenschädigungen sind, bei gleichzeitiger kardiovaskulärer Sicherheit ist das vornehmliche Ziel in der Behandlung des Typ-2-Diabetes. "Es ist aber nicht das einzige Ziel", fügt Prof. Dirk Müller-Wieland hinzu, Mediensprecher der DDG. "Denn zur Senkung des kardiovaskulären Risikos muss eine multimodale Therapie auch den Blutdruck und die Blutfette berücksichtigen." Darüber hinaus sind die meisten Patienten mit Typ-2-Diabetes übergewichtig.

„Zudem hat sich in vielen neuen Studien gezeigt“, betont Prof. Baptist Gallwitz, Vizepräsident der DDG, "dass eine blutzuckersenkende Therapie auch bei Patienten mit Typ-2-Diabetes sicher vor Hypoglykämien sein sollte, da sie mit gefährlichen, eventuell sogar tödlichen Komplikationen für den Betroffenen verbunden sein können." Diese Erkenntnisse haben jetzt Einzug in das neue Positionspapier der American Diabetes Association (ADA) und der European Association for the Study of Diabetes (EASD) zur Diabetestherapie gefunden. "Die Therapie ist insgesamt individueller geworden", sagt Dr. Erhard Siegel, Präsident der DDG. "Wir erstellen zunächst einen kompletten Gesundheitsstatus des Patienten und wählen danach die Medikamente aus."

Die Vermeidung von Übergewicht und Hypoglykämien zählt damit heute ebenfalls zu den wichtigsten Therapieprinzipien. Metformin, ein älterer und kostengünstiger Wirkstoff, erfüllt im Gegensatz zu den Sulfonylharnstoffen diese Bedingungen. Neuere Medikamente kommen erst zum Einsatz, wenn Metformin den Blutzucker nicht ausreichend senkt. Meistens werden sie mit Metformin kombiniert. "Nicht wenige Patienten benötigen drei Medikamente, um den Blutzucker einzustellen", sagt Siegel.

Zu den neu eingeführten Medikamenten zählen SGLT2-Inhibitoren, die die Zuckerausscheidung über die Nieren fördern. "Zu den günstigen Begleiteffekten gehören eine Gewichtsabnahme und eine Senkung des Blutdrucks", so Müller-Wieland. Dennoch sind diese Wirkstoffe nicht für alle Patienten geeignet. Eine gute Nierenfunktion ist Voraussetzung der Medikamentenwirkung. Die erhöhte Zuckerkonzentration im Urin dient außerdem Bakterien und Hefen als Nährstoff. Menschen mit einer Anfälligkeit für Genital- und Harnwegsinfektionen sollten deshalb gegebenenfalls auf andere Mittel ausweichen.

Die sogenannten DPP4-Inhibitoren sind gewichtsneutral und auch aufgrund ihres Wirkmechanismus hypoglykämiesicher. Die kardiovaskuläre Sicherheit ist für Saxagliptin belegt, entsprechend große Studien an mehr als 14.000 Patienten mit Sitagliptin werden auf dem amerikanischen Diabeteskongress im Juni vorgestellt. "Dies sind Sicherheits-, keine Überlegenheitsstudien", erläutert Müller-Wieland. "Es wird also getestet, ob eine neue Substanz bei vergleichbarer Absenkung des Blutzuckers im sogenannten Placebo-Arm sicher ist". Die DPP-4-Hemmer sind auch eine Behandlungsmöglichkeit für Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion.

Eine weitere Option ist laut Gallwitz auch die Behandlung mit den sogenannten GLP-1-Agonisten, die zwar gespritzt werden, aber auch zu einer Reduktion des Körpergewichts führen. Zudem, fügt der DDG-Experte hinzu, werden derzeit weitere Kombinationen klinisch untersucht – sie ermöglichen schon heute individuell abgestimmte Kombinationsmöglichkeiten, wie in dem Positionspapier der ADA und EASD dargelegt. "Die medikamentöse Differential-Therapie des Typ-2-Diabetes ist damit zwar patientenzentriert, aber auch komplex geworden", so Siegel.

Trotz der vielen Medikamente kommen viele Patienten aber auf lange Sicht nicht um die Injektion von Insulin herum. "Der Typ-2-Diabetes ist eine fortschreitende Erkrankung, die keines der Medikamente heilen kann", betont Müller-Wieland. Eine gesunde Lebensführung mit Bewegung und gesunder Ernährung kann ihr Fortschreiten jedoch verlangsamen. "Kein Patient mit Typ-2-Diabetes sollte sich deshalb allein auf die Medikamente verlassen", so der DDG-Experte.

MEDICA.de; Quelle: Deutsche Diabetes Gesellschaft

Mehr über die DDG unter: www.deutsche-diabetes-gesellschaft.de