Früherkennung: Diabetes Typ 1 kündigt sich an

20/06/2013
Foto: Blutabnahme

Diabetes Typ 1 kündigt sich bis zu 20 Jahren im Voraus durch Antikörper im Blut an. Umfassende Screenings könnten zur Früherkennung beitragen;
© panthermedia.net/Josef Müllek

In welchem Alter bei einem Kind ein Diabetes mellitus Typ 1 ausbricht, lässt sich jetzt erstmals abschätzen: Diabetes Typ 1 kündigt sich durch bestimmte Antikörper im Blut an.

In der größten internationalen Studie dieser Art fanden Wissenschaftler des Helmholtz Zentrums München heraus: An Diabetes Typ 1 erkranken junge Menschen innerhalb von maximal 20 Jahren nach dem ersten Auftreten sogenannter multipler Antikörpern im Blut – je nach individuellen Eigenschaften früher oder später. „Unsere Erkenntnisse erlauben es, die Diagnose Diabetes Typ 1 zu stellen, noch bevor die Krankheit sich klinisch zeigt“ sagt Professor Anette-Gabriele Ziegler, Direktorin des Instituts für Diabetesforschung des Helmholtz Zentrums München. Die frühe Erkennung biete auch Chancen für verbesserte und vorbeugende Therapien.

Diabetes mellitus Typ 1 ist eine Autoimmunerkrankung und bricht meist im Kindes- und Jugendalter aus: Die körpereigene Abwehr zerstört Zellen in der Bauchspeicheldrüse, die das blutzuckersenkende Hormon Insulin produzieren. Dadurch kann der Körper den Blutzucker nicht mehr regulieren und die Betroffenen müssen lebenslang Insulin spritzen. Indikatoren des Angriffs auf die Bauchspeicheldrüse sind Abwehrstoffe, die sich im Blut bilden. „Diese Autoantikörper entwickeln sich oft schon viele Jahre vor Ausbruch des Diabetes und kündigen ihn auf diese Weise an“, berichtet Ziegler „Einige Kinder haben bereits im Alter von drei Jahren verschiedene Autoantikörper im Blut.“

Ziegler und ihre Co-Autoren haben ihre Arbeiten mit zwei ähnlichen Studien aus Finnland und den USA kombiniert und so Daten von insgesamt 13 777 Kindern über einen Zeitraum von 20 Jahren verglichen. Mehr als 1000 Kinder entwickelten Antikörper. Bei 585 ließen sich mehr als ein Typ von Antikörpern nachweisen. Von diesen Kindern erkrankten 70 Prozent in den folgenden zehn Jahren an einem Diabetes Typ 1. „Nach 15 Jahren waren es bereits 85 Prozent, zum Ende der Beobachtungszeit nahezu 100 Prozent“, berichtet Ziegler. Kinder ohne Antikörper erkranken fast nie an einem Typ-1-Diabetes – das Zehn-Jahresrisiko betrug bei ihnen 0,4 Prozent.

„Die Studie belegt, dass der Ausbruch einer Diabetes-Erkrankung häufig vorhersehbar ist“, sagt DDG-Präsident Doktor Erhard Siegel. Der Nachweis der Antikörper biete eine Möglichkeit zur frühen Diagnose des Typ 1 Diabetes. Die Diagnose eines Prädiabetes könnte darüber hinaus neue Ansatzpunkte für eine Therapie ergeben, hofft Siegel. „Wir wissen heute, dass die Inselzellen nicht von heute auf morgen zerstört werden.“ Der feindliche Angriff des Immunsystems ziehe sich vermutlich über Wochen bis Jahrzehnte hin. „In dieser Zeit könnte eine Chance bestehen, wenigstens Teile der körpereigenen Insulinproduktion zu erhalten und die überschießende Immunreaktion zu kontrollieren“, ergänzt Professor Bonifacio vom Forschungszentrum für Regenerative Therapien an der Technischen Universität Dresden, das an der Studie beteiligt ist.

Reihenuntersuchungen bei Kindern auf Antikörper wären durchaus sinnvoll, folgert Ziegler: “Wenn wir durch Screenings die Antikörper-Träger identifizieren, ließen sich bereits jetzt schwere Stoffwechselentgleisungen verhindern.“ Aufgrund der neuen Erkenntnisse ließe sich Diabetes Typ 1 zukünftig in Krankheitsstadien einteilen und schon im präklinischen Stadium behandeln, meint Ziegler: „Wir wissen jetzt, ab wann die Uhr der Krankheit tickt und dass es keinen Weg zurück gibt – es sei denn, wir greifen wirksam vorbeugend ein“.

MEDICA.de; Quelle: Helmholtz Zentrum München