Die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte

Dr. Franz-Joseph Bartmann, Vorsitzender des Ausschusses Telematik der Bundesärztekammer, erläutert im Interview den Status-Quo der elektronischen Gesundheitskarte. Zuletzt hatten Äußerungen von Klaus Theo Schröder, Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, für Ärger gesorgt, die Karte ohne 100.000er-Tests einführen zu wollen. Das führte zu vehementer Kritik aus der Ärzteschaft. Auch auf der MEDICA 2007 geht es im Rahmen der MEDICA MEDIA um die elektronische Gesundheitskarte.


In Ihrem Bundesland Schleswig-Holstein läuft eins von bundesweit sieben Modellprojekten zur elektronischen Gesundheitskarte. Wie ist dort der Stand der Dinge?
Dr. Franz-Joseph Bartmann: Im Moment finden noch gar keine Tests der originären Funktionen der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) statt. Das, was in Schleswig-Holstein und anderswo läuft, sind eine Art Vortests, die belegen sollen, dass die neue Karte die Funktionen der alten übernehmen kann. Das Bundesgesundheitsministerium hat nun bereits Ende August gesagt, dass die eGK in dieser Form an die Versicherten herausgegeben werden soll.

Stimmen Sie dem zu?
Dr. Bartmann: Die Minimalfunktionen kann die jetzt geprüfte eGK tatsächlich ohne weitere Prüfung übernehmen, aber sie wäre in dieser Form nicht mehr als die alte Karte mit einem Bild des Versicherten darauf. Diese Karten wurden bislang nur offline getestet. Weitere Funktionen wären damit nicht verbunden.

Es wäre doch relativ unbefriedigend, nur eine erste Version der Karte zu verteilen, um dann später eine weitere mit mehr tatsächlich vorhandenen Funktionen zu verteilen ...
Dr. Bartmann: Damit gehen die Macher natürlich das Risiko ein, dass in späteren Funktionstests deutlich wird, dass die eGK so nicht funktioniert und neue Karten ausgegeben werden müssen.

Glauben Sie, der Gesetzgeber geht dieses Risiko tatsächlich ein?
Dr. Bartmann: Ja. Bis die zusätzlichen Funktionen wirklich implementiert werden können, vergehen noch viele Jahre. Der Gesetzgeber hat sich jedoch selbst in Zugzwang gesetzt und will nicht so lange warten. Es wird im nächsten Jahr also eine Karte ausgegeben, die zwar mehr könnte, als die alte, deren Funktionen zum Zeitpunkt der Ausgabe aber nicht genutzt werden können, weil sie noch nicht getestet werden. Dafür bleiben die sogenannten 100.000er-Test notwendig.

Nun hat es unter den Ärzten harte Forderungen gegeben, die bis zum Ausstieg der Ärzteschaft reichten. Wie bewerten Sie dies vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklung?
Dr. Bartmann: Für mich ist entscheidend, was der vergangene Ärztetag beschlossen hat – und das war nicht der Ausstieg aus der Betreibergesellschaft der eGK, der gematik. Vielmehr wurde festgehalten, dass die Ärzteschaft eine Neukonzeption der Karte forderte.

Eine Neukonzeption ist aber nicht in Sicht...
Dr. Bartmann: So würde ich das nicht sagen. Die Speicherung auf einem zentralen Server ist aus meiner Sicht zumindest mittelfristig vom Tisch. Es gibt heute in Deutschland schon mehr als ein Dutzend elektronischer Patientenakten. Merkwürdigerweise scheinen die Ärzte bei industriellen Angeboten wie jener von der Barmer Ersatzkasse keine so großen Bedenken zu haben wie bei Projekten der Selbstverwaltung. Parallel muss unseres Erachtens geprüft werden, ob in Anbetracht der technischen Entwicklung tatsächlich eine externe Datenablage überhaupt erforderlich ist. Die Microchip-Technik erlaubt schon jetzt die Speicherung großer Datenmengen auf entsprechenden Trägern, und ein Ende dieser Entwicklung ist noch gar nicht absehbar.

Und weiter?
Dr. Bartmann: Die Befürchtung, die Praxisabläufe könnten durch eine noch nicht funktionsfähige Karte gestört werden, kann zumindest teilweise relativiert werden Die Komfortsignatur steht kurz vor der Zulassung, die im Vergleich zur bisherigen handschriftlichen Signatur keine Zeitnachteile mehr beinhaltet.

Der medizinische Nutzen könnte sein, an einer elektronischen Sicherung der Arzneimitteltherapie zu partizipieren. Dieser Teil bleibt allerdings umstritten. Nicht bestritten wird der Nutzen einer gesicherten Punkt zu Punkt – Kommunikation mit Hilfe der neuen Telematik-Infrastruktur. Der prinzipielle Nutzen einer elektronischen Patientenakte ist ebenfalls unbestreitbar, wie eingangs erwähnt aber in hohem Maße abhängig von der definitiven Konzeption und Umsetzung.

Es wurde letztendlich auch befürchtet, dass die Ärzte aufgrund der Einführung der eGK zu Ausgaben veranlasst werden könnten, denen kein Nutzen für sie gegenübersteht. Die entsprechenden Verhandlungen stehen zwar noch bevor, aber ich gehe davon aus, dass die Grundausstattung – nämlich die notwendigen Lesegeräte - wie 1995 bei der vergangenen Kartenausgabe, gestellt wird. Wie dies später bei Anschaffungen sein wird, die notwendig sein könnten, um die dann vorhandenen Zusatzfunktionen zu nutzen wird nicht erst dann, sondern bereits vorab zu verhandeln sein.

Sie stehen dem Projekt eGK also recht positiv gegenüber...
Dr. Bartmann: Ja und Nein. Die eGK hat ein großes Potenzial in positiver wie in negativer Hinsicht. Der wichtigste Punkt für uns als verfasste Ärzteschaft ist: Wenn Online-Verfahren eingeführt werden, so darf niemand zur Teilnahme gezwungen werden. Bislang wurde die Freiwilligkeit für Patienten betont. Wir fordern das Gleiche auch für die Ärztinnen und Ärzte. Der Einsatz muss aus der Überzeugung resultieren, dass die Online-Verfahren dem Anwender und seinen Patienten Nutzen stiftet. Im alltäglichen Gebrauch sollte klar werden, dass ein Datenmissbrauch auf absehbare Zeit nicht stattfinden wird. Die Freiwilligkeit wird auch eine zentrale Forderung beim kommenden Ärztetag in Ulm sein. Es gibt zurzeit viele Ärzte, die diesbezüglich Angst haben. Sie wird man nicht durch Zwang gewinnen können. Im Gegenteil. Zwang wird zur Solidarisierung bislang unentschlossener Kollegen führen. Die Freiwilligkeit der Teilnahme an den Online-Verfahren ist aus unserer Sicht ein Muss.

Der elektronische Heilberufsausweis stößt auf wesentlich weniger Widerstand...
Dr. Bartmann: Der elektronische Heilberufsausweis soll unter anderem die Sicherheit der Kommunikation unter den Kollegen erhöhen. Dagegen haben die Ärzte offensichtlich nichts einzuwenden. Hier gibt es allerdings Probleme von der industriellen Seite. Offenbar stellt der Hba ohne unmittelbare Anbindung an die eGK für die Industrie kein attraktives Geschäftsmodell dar. Dies könnte sich aber rasch ändern, wenn klar wird, dass eine sichere Tele-Kommunikation, nach der ein großer Bedarf besteht, auch ohne funktionsfähige eGk nur mit Hilfe des Heilberufeausweises möglich ist. Erste Signale in dieser Richtung sind erkennbar. Die eGK selbst wird aber erst dann zum Selbstgänger, wenn sie nicht nur den Beweis der prinzipiellen Funktionstüchtigkeit erbracht hat, sondern auch die Bedenken potentieller Anwender in der Praxis ausgeräumt sind.