Die Sehnsucht nach mehr

Foto: Blumenkohl, grüne und rote Paprika, Möhren

Dauerdiät, um das Leben zu
verlängern: theoretisch ja,
praktisch nein; © SXC

Kann man das Leben dehnen wie Kaugummi? Seit den 1950er Jahren sieht eine große Gruppe von Forschern Altern vorrangig als eine Summe von Schäden, die den Organismus im Lauf der Zeit angreifen. Das hieße, dass der Alterungsprozess tatsächlich aufgehalten oder zumindest verlangsamt werden könnte, wenn man die Schäden verhindern kann.

Schon 1936 konnte zum ersten Mal gezeigt werden: Wenn man Ratten auf Diät setzt und sie mit 30 bis 50 Prozent weniger Kalorien ernährt, als sie gewöhnlich zu sich nehmen würden, verlängert sich ihre Lebenszeit im Laborversuch um 20 bis 30 Prozent. Mit Mäusen und Würmern klappte es in späteren Versuchen ebenso gut. Falls man von diesen Tierversuchen auf den Menschen schließen könnte – was wiederum nicht bewiesen ist -, hieße das, so erklärt Andreas Simm, Gerontologe und Forschungsleiter an der Klinik für Herz- und Thoraxchirurgie in Halle: „Wer mit 50 Jahren mit Dauerhungern anfängt, fühlt sich mit 80 Jahren wie mit 70.“

Zunächst erklärten die „Schadenstheoretiker“ sich das so: Beim Umwandeln von Nahrung zu Energie im Körper entstehen als Nebenprodukt sogenannte freie Radikale. Diese wiederum würden das Erbgut angreifen und seien damit für den Alterungsprozess verantwortlich. Wer weniger Nahrung zu sich nehme, produziere weniger freie Radikale – und altere somit langsamer.

Widersprüchliche Ergebnisse

Das wurde an Mäusen gemessen. Mäuse mit einer defekten DNA, deren Reparaturmechanismus nicht mehr funktionierte, alterten tatsächlich schneller. „Die Schäden am Erbgut schienen also tatsächlich mit dem Alterungsprozess zusammenzuhängen. Alle waren glücklich, die Schadenstheorie schien zu stimmen“, erzählt Simm. Dann hat man aber die Produktion der freien Radikale gemessen: Sie war nicht erhöht. Kopfschütteln, Rätselraten. Das passte nicht zusammen.

„Vor einigen Jahren hat man dann gefunden, dass ein Organismus Energie effizienter nutzt, wenn er weniger Kalorien zugeführt bekommt. Eine Zelle, die vorher ihre Mitochondrien, mit denen sie Nahrung zu Energie umwandelt, wenig genutzt hat, fängt während einer Diät an, sie verstärkt zu nutzen.“ erklärt Michael Ristow, Professor für Ernährungsmedizin in Jena. Bis die Zelle sich an die verringerte Kalorienzufuhr gewöhnt hat und die Aktivität wieder herunterfährt, entstehen also mehr freie Radikale, nicht weniger.

Neueste Forschungsergebnisse widersprechen daher der ursprünglichen Theorie der freien Radikalen. „Freie Radikale sollten nicht so verteufelt werden, wie sie das mal wurden“, schlussfolgert Ristow. „Chronisch erhöhte Mengen an freien Radikalen sind sicherlich schädlich. Aber kurzfristig gesteigerte Radikalbildung hat eine positive Wirkung.“

Würmer auf Diät gesetzt

An Würmern, die nur einen Monat leben, testete Ristow seine These. Er geht von einem „Hormesis-Effekt“ aus. Von „Hormesis“ redet man immer dann, wenn geringe Mengen schädlicher oder giftiger Substanzen eine umgekehrte, positive Wirkung auf einen Organismus haben. In den Würmern war immer, wenn die Radikalmengen erhöht waren, auch die Anzahl von Schutzenzymen erhöht. Daher ist Ristow überzeugt: Die verringerte Nahrungsaufnahme aktiviert die Mitochondrien kurzfristig stärker. Dadurch werden mehr Radikale gebildet. Diese schaden aber nicht nur dem Erbgut, sondern aktivieren auch Schutzenzyme, die wiederum die körpereigenen Abwehrkräfte verbessern. „Die Bilanz ist positiv“, so Ristow. Deswegen leben Organismen länger, wenn sie weniger essen.

Also nur noch Knäckebrot und Gurken und die 100 anpeilen? Nein, meint Simm, das wäre eine gefährliche Schlussfolgerung. Schließlich funktioniert der Versuch bislang nur bei Tieren, und nur im Laborversuch, fernab der realen Welt. In freier Wildbahn würde eine hungernde Maus sicherlich schneller sterben: Sie wäre zu langsam und würde gefressen. „Die meisten Menschen würde das Dauerhungern sowieso nicht durchhalten, und wenn, dann hätten sie ein psychologisches Problem: Sie würden nur noch ans Essen denken“, so Simm. Und es gibt noch eine kleine Nebenwirkung: Die kontinuierliche Diät macht steril.

Anke Barth
MEDICA.de