05.10.2006

Spectaris Industrieverband e.V.

Die aktuelle wirtschaftliche Situation der deutschen Medizintechnik

Die deutsche Medizintechnik-Industrie ist eine innovative und international konkurrenzfähige Zukunftsbranche mit qualitativ hochwertigen Produkten, die Leben erhalten und verlängern. Als ein Eckpfeiler der deutschen Wirtschaft schafft sie neue und zukunftssichere Arbeitsplätze und stellt zahlreiche Ausbildungsplätze zur Verfügung. Innovationen im Bereich der Medizintechnik sorgen für eine gesteigerte Qualität im Gesundheitswesen und auf Dauer für niedrigere Ausgaben bei den Kostenträgern.

Durch die ständige Verbesserung und Fortentwicklung bestehender Produkte und die Entwicklung neuer Produkte leisten die Innovationen im Bereich der Medizintechnik einen unverzichtbaren Beitrag für die Gesundheit jedes Einzelnen und das Gesundheitswesen insgesamt. Gleichzeitig sichern sie die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Hersteller. In ihren Schwerpunkten konzentrieren sich die Innovationen dabei vor allem auf

* eine verbesserte Diagnostik zur Früherkennung von inneren Verletzungen
* Therapieverfahren, die bei minimaler Patientenbelastung für einen optimalen Heilungsprozess sorgen
* den Ersatz und die Unterstützung von beschädigten Organen, Knochen oder Gelenken durch künstliche, teilweise steuerbare Elemente
* einen schnelleren Informationsaustausch und
* auf Wirtschaftlichkeit.

Die gesamte medizintechnische Industrie zählt heute zu den innovativsten Zukunftsbranchen in Deutschland. Fast 7 % des Umsatzes werden für Forschung und Entwicklung aufgewendet. Dennoch kann nach wie vor von einem innovationsfreundlichen Klima im Inland keine Rede sein. Vielmehr zeigt sich, dass dringender Reformbedarf besteht, um einen Verlust von Weltmarktanteilen und eine Verlangsamung der Innovationsgeschwindigkeit zu vermeiden.


Organisierte Medizintechnik in SPECTARIS
Der Industrieverband SPECTARIS setzt sich aus drei Fachverbänden zusammen: dem Fachverband Medizintechnik (Vorsitz: Michael Koller, MMM Münchener Medizin Mechanik) sowie dem Fachverband Consumer Optics und dem Fachverband Photonik + Präzisionstechnik.

Die rund 150 Mitgliedsunternehmen des Fachverbandes Medizintechnik ihrerseits decken ein sehr umfangreiches Wissenschafts- und Anwendungsfeld ab, das im gesamten Spektrum der Gesundheitsversorgung von der Prävention über die Diagnostik und Therapie bis hin zur Rehabilitation alle medizinischen Instrumente, Geräte sowie Hilfsmittel umfasst.

Die Produkte unserer Mitgliedsfirmen werden dabei in zwei Gruppen aufgeteilt: Medizinische Instrumente, Geräte und Systeme auf der einen Seite und Medizinische Hilfsmittel auf der anderen Seite.

Zur ersten Gruppe gehören grundsätzlich all diejenigen Produkte, die im Krankenhaus oder in der Arztpraxis benötigt werden, wie z.B. Medizinische Versorgungseinheiten, Inhalations-, Narkose-, Sauerstoffgeräte, chirurgische Instrumente, optisch-medizinische Geräte (Endoskope), Geräte für die Augenheilkunde, Implantate, Sterilisatoren, Operationsmobiliar, Untersuchungsstühle, Mikroskope oder Blutdruckmessgeräte.
Zu den Hilfsmitteln gehören dagegen die Produkte, die für Behinderte, Kranke oder Reha-Patienten notwendig sind, z.B. Rollstühle, Gehhilfen, Passteile, Prothesen, Orthesen, medizinische Bandagen bzw. Kompressionsstrümpfe und die Geräte der Respiratorischen Heimtherapie.


Die deutsche Medizintechnik 2005
Im Jahr 2005 konnte die deutsche Medizintechnik-Industrie ihren Gesamtumsatz um 8,5 % auf 14,7 Milliarden Euro steigern. Getragen wurden dieses Ergebnis allerdings ausschließlich durch Zuwächse im Ausland, wo ein Umsatz von 9,2 Milliarden Euro erzielt werden konnte (+16,4 %). Dem zweistelligen Exportwachstum, welches ein klarer Beleg für die internationale Konkurrenzfähigkeit der deutschen Unternehmen ist, stand ein Rückgang des Inlandsgeschäfts um über 2 % auf 5,5 Milliarden Euro gegenüber. Dementsprechend stieg die Exportquote um 7,2 %. Der Anteil des Auslandsumsatzes am Gesamtumsatz lag damit bei 62,4 %.

Die seit dem 01.01.2004 geltenden gesundheitspolitischen Reformen haben sich insofern vielfach als echte Konjunkturbremse erwiesen. Das schwierige Inlandsgeschäft war dabei eine offensichtliche Folge der durch die Gesundheitsreform aufgetretenen Verunsicherungen.

Die Beschäftigtenzahl der 1.236 überwiegend mittelständischen deutschen Medizintechnik-Hersteller in Deutschland lag im vergangenen Jahr mit knapp 88.000 Mitarbeitern auf dem Niveau des Jahres 2004 (-0,3 %). Beim mittel- und langfristigen Jahresdurchschnitt zeigt sich aber ein positiver Trend. So ist die Beschäftigtenzahl von 79.000 Mitarbeitern im Jahr 2000 auf aktuell rund 88.000 Beschäftigte gestiegen. Auch der Umsatz pro Beschäftigtem zeigt eine klare positive Tendenz. Lag er im Jahr 2000 noch bei 127.300 Euro pro Beschäftigtem, betrug er im Jahr 2005 bereits 168.000 Euro.


Aktuelle wirtschaftliche Lage 2006
Nach einer aktuellen Prognose können die deutschen Medizintechnik-Unternehmen ihren Erfolgskurs auch im Jahr 2006 fortsetzen. Bei einem schwachen Inlandsumsatz sorgt jedoch erneut hauptsächlich das Auslandsgeschäft für ein erfreuliches Ergebnis. Für 2006 wird mit einem Umsatzplus in Höhe von 11 % auf 16,3 Milliarden Euro gerechnet. Dabei resultiert die sehr positive Prognose allerdings maßgeblich aus der Umsatzentwicklung im Ausland. Während beim Auslandsumsatz von einem Zuwachs um 16 % auf etwa 10,6 Milliarden Euro ausgegangen wird, liegt die Prognose beim Inlandsgeschäft lediglich bei einem schwachen Plus von rund 3 % auf 5,7 Milliarden Euro. Die Exportquote läge damit bei über 65 %. Die hohe Diskrepanz zwischen Exporten und Heimatmarkt verdeutlicht die strukturellen Probleme im deutschen Gesundheitswesen. Die Beschäftigtenzahl wird voraussichtlich mit 87.300 Mitarbeitern etwa auf dem Niveau des Vorjahres liegen.

Die Medizintechnik ist ein Zukunftsmarkt, der durch Faktoren wie eine rasch wachsende und alternde Weltbevölkerung, eine stärkere Professionalisierung und Kommerzialisierung von Gesundheits- und Pflegeleistungen sowie weiterhin steigende Gesundheitsausgaben - in Entwicklungsländern durch wachsende Patientenzahlen, in Industrieländern durch die Nachfrage nach modernsten Behandlungsmethoden bzw. dem Trend zu privat bezahlten Eingriffen - positiv beeinflusst wird. Schätzungen gehen für den Zeitraum 2002 bis 2010 von einer langfristigen jährlichen Wachstumsrate des Weltmarkts für Medizintechnik von rd. 4-5 % aus.

Die internationale Wettbewerbsfähigkeit und die hohe Innovationskraft der Branche stehen dabei allerdings im Gegensatz zur schwachen Entwicklung des Inlandsmarktes. Hier liegt eine Gefahr für den Standort Deutschland. Entsprechend gedämpft sind daher die Erwartungen der deutschen Medizintechnik-Industrie für das Inland, wo auch im kommenden Jahr nicht mit einer spürbaren Verbesserung gerechnet wird.

So zeigt sich zum Beispiel im Hilfsmittelbereich ein massiver Preisverfall. Ohne Rücksicht auf die Produktqualität und den Produktservice nutzen die Krankenkassen hier ihre Machtposition und üben massiven Druck auf die Preise aus. Dies begünstigt nicht nur Billigimporte aus Asien und gefährdet damit Arbeitsplätze, sondern geht vor allem zu Lasten der im Hilfsmittelbereich besonders schutzbedürftigen Patientinnen und Patienten.

Auch im Investitionsgüterbereich (Krankenhaus und Arztpraxen) sieht es hierzulande nicht viel besser aus. Dringend notwendige Investitionen werden auch weiterhin nicht getätigt. Diese massive Investitionszurückhaltung hat ihre Ursache in einem durch Gesetzgebung, Kostenreduzierung, Budgetierung sowie durch die Einführung von DRG-Fallpauschalensystem und Integrierter Versorgung stark verunsicherten Markt. Hinzu kommt, dass gerade Krankenhäuser vor einschneidenden Änderungen stehen. Durch Fusionen und Schließungen wird die Gesamtzahl der Krankenhäuser in Deutschland voraussichtlich in den nächsten Jahren von etwa 2.200 auf 1.900 sinken. Jedes Krankenhaus ist daher zunächst bemüht, die eigenen Kosten zu senken. Gerade an die dringend notwendigen Investitionen wird - fälschlicherweise - zu oft an letzter Stelle gedacht. Stattdessen wird veraltete Technik repariert.


Investitionsstau beseitigen
Bestehen bleiben in der Medizintechnik, so das Fazit, ohne durchgreifende Ergebnisse einer substantiellen Gesundheitsreform die Probleme auf dem Inlandsmarkt. Wir sprechen hier mittlerweile über einen Investitionsstau von bis zu 30 Milliarden Euro. Statt auf neue, innovative und dem aktuellen Stand der Technik entsprechende Produkte zu setzen, steht bei den Kostenträgern nach wie vor die wirtschaftlich zum Teil nicht mehr vertretbare Reparatur von alten Produkten im Vordergrund. Es gibt keine Anzeichen für eine Konjunkturbelebung.

Trotz zukünftig aufgrund der Altersstruktur zu erwartenden steigenden Patientenzahlen erscheint Wachstum im deutschen Krankenhausbereich nur möglich in neu entstehenden, privat finanzierten Krankenhäusern - oder wenn überfällige Umstrukturierungen in den staatlichen Krankenhäusern endlich vollzogen werden. Hierzu gehört die Verwendung von mehr prozessunterstützenden Gerätekombinationen und die Schaffung neuer, die Gesundheitsausgaben senkender Institutionen, wie ambulante OP-Zentren oder Langzeit-Akut-Versorgungszentren.

Deshalb erwartet SPECTARIS von einer substantiellen Gesundheitsreform vor allem entschiedene Schritte zur Schaffung eines echten Gesundheitsmarktes und klare, investitionsfreundliche Rahmenbedingungen. Dies ist bislang nicht gelungen. Wir bieten den politischen Entscheidungsträgern daher nach wie vor unsere konstruktive Hilfe bei der Bewältigung der vor uns allen liegenden gesundheitspolitischen Herausforderungen an. Folgende Punkte sind dabei für die deutsche Medizintechnik besonders wichtig: Planungssicherheit im Inlandsmarkt, gezielte Innovationsförderung und die klare Festlegung von Definitionen für Produkt-, Dienstleistungs- und Ergebnisqualität im Hilfsmittelbereich.


Rahmenbedingungen verbessern
Die erheblichen Unsicherheiten über die Inlandsentwicklung gefährden insgesamt weiter den Produktionsstandort Deutschland. Hält in Deutschland die Investitionszurückhaltung an, werden die Unternehmen möglicherweise letztendlich ihre Produktion in die Länder verlagern, in denen noch Wachstum zu erwarten ist.

Um dies zu verhindern, sind deutliche Verbesserungen der gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen erforderlich. Verbesserungspotenziale im Innovationsprozess bestehen insbesondere bei der effektiven Umsetzung wissenschaftlicher Entwicklungen in marktreife Produkte und damit wirtschaftlichen Erfolg. Inhaltlich wird im Rahmen öffentlicher Förderung eine Schwerpunktsetzung und Betonung von Enabling-Technologien mit hoher Hebelwirkung und Branchen mit nachgewiesenem Zukunftspotenzial benötigt. Dabei müssen viel versprechende Themenschwerpunkte - wie z.B. im Bereich Medizintechnik minimal-invasive Chirurgie, computergestützte Diagnose, Therapieplanung bzw. -begleitung oder nachfrageorientierte Innovationen für die Gesundheitsversorgung - in den Fokus gerückt werden. Ein bestehender Mangel an Risikokapital für die Kommerzialisierung innovativer Ideen muss dringend beseitigt und funktionierende Netzwerkstrukturen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft müssen weiter ausgebaut werden.


Echte Gesundheitsreform schaffen
Der Kollaps der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) kann nur vermieden werden, wenn es gelingt, die Strukturen im Gesundheitswesen nach den Gesichtspunkten eines Dienstleistungsmarktes für Gesundheit umzustrukturieren. Denn die GKV hat sich im Laufe der Jahre zu einem kaum noch überschaubaren und wild wuchernden Zwangsabgabensystem entwickelt, in dem Milliardenbeiträge in ineffizienten Prozessen versickern. Ein Dienstleistungsmarkt Gesundheit setzt dagegen sehr viel stärker als bislang auf Wirtschaftlichkeit, Selbstbestimmung und Eigenverantwortung. Er bringt neben einem verbesserten Leistungsangebot zugleich Impulse für mehr Wachstum und Beschäftigung.

Um einen solchen Dienstleistungsmarkt Gesundheit zu schaffen, ist eine konsequente Strukturreform im Gesundheitssektor erforderlich. Kernelemente einer solchen Strukturreform sind die Sicherung einer ausreichenden medizinischen Grundversorgung, die Schaffung einer soliden Finanzierungsbasis und die Stärkung von Wettbewerbselementen. Dazu müssen die Aufgaben der Gesetzlichen Krankenversicherung auf eine Basissicherung konzentriert, Beitragsgerechtigkeit und Transparenz im Gesundheitswesen hergestellt sowie Eigenverantwortlichkeiten und marktwirtschaftliche Steuerungsinstrumente gestärkt werden.

Gelingt es, die notwendigen Reformen im Gesundheitswesen umzusetzen und die Rahmenbedingungen für Innovationen zu verbessern, wird die deutsche Medizintechnik-Industrie ihren Wachstumspfad langfristig und nicht nur im Ausland fortsetzen können. Dann kann die deutsche Medizintechnik auch im Inland einen weiteren wesentlichen Beitrag zur Kostensenkung und zur Qualitätssteigerung in der Gesundheitsversorgung leisten. Denn diese Instrumente und Geräte erhöhen den Erfolg bei Operationen, reduzieren die Belastungen für Patienten, verkürzen Behandlungs- und Ausfallzeiten und vermeiden teure Folgeerkrankungen.


Zukunftsforum Medizintechnik
In diesem Zusammenhang veranstaltet SPECTARIS am 14. November 2006 sein 3. Zukunftsforum Medizintechnik in Düsseldorf, auf dem wir in diesem Jahr die Auswirkungen der geplanten gesundheitspolitischen Reformen auf die deutsche Medizintechnik und das Einsparpotenzial im Gesundheitswesen durch moderne Medizintechnik thematisieren. Hochrangige Referenten aus Politik, Wirtschaft, Gesundheitswesen und Wissenschaft werden zu diesem Thema ihre Ideen und Konzepte präsentieren. Exklusiv werden wir dort zudem eine neue Studie vorstellen, die aufzeigt, dass innovative Medizintechnik kein Kostentreiber ist, sondern vielmehr zu Kostensenkungen im Gesundheitswesen beitragen kann. Mit unserem Publikum wollen wir in mehreren offenen Diskussionen darüber hinaus über neue Wege zum Abbau von Wettbewerbsschranken und Chancen für nachhaltiges Wachstum sprechen.

Das Programm des Zukunftsforums und Anmeldemöglichkeiten finden Sie auf unserer Website www.spectaris.de. Weitere ausführliche Informationen erhalten Sie zudem natürlich auf der Medica von uns und unseren Mitgliedsfirmen selbst.




Pressekontakt
Sven Behrens
Hauptgeschäftsführer
Fon +49 (0)30 41 40 21-12
Fax +49 (0)30 41 40 21-33
behrens@spectaris.de
www.spectaris.de
SPECTARIS. Deutscher Industrieverband für optische,
medizinische und mechatronische Technologien e.V.
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