Im Jahr 2001 wurde in Österreich durch einen Erlass des Justizministeriums die Möglichkeit der anonymen Geburt geschaffen. Damit verbunden war die Hoffnung, dass die Zahl der ausgesetzten Säuglinge und Kindestötungen zurückgehen würde. In einer Studie sollte nun untersucht werden, ob diese Ziele tatsächlich erreicht wurden.

Von 1996 bis 2004 kam es im österreichischen Bundesland Tirol mit seinen 687.000 Einwohnern und etwa 7.000 Geburten pro Jahr zu vier dokumentierten Fällen von Kindestötung nach der Geburt. Ein Kind wurde nach der Geburt von der Mutter ausgesetzt. Seit der Legalisierung der anonymen Geburt nutzten in Tirol zwei Frauen dieses Angebot. Beide Frauen entbanden an der Innsbrucker Universitätsfrauenklinik nach unauffälligen Schwangerschaften in Terminnähe.

Die Frauen wurden von Psychologinnen, Sozialarbeiterinnen, Hebammen und Ärztinnen beraten. Außerdem informierte man die Frauen über die Möglichkeit der offenen Adoption. Beide beharrten jedoch auf ihrer Entscheidung zur Anonymität. Gegen eine der Frauen wurde Wochen später wegen Verdachtes auf Kindesmord ermittelt, nachdem aus ihrem privaten Umfeld anonyme Briefe verschickt worden waren. Erst die Bestätigung der Klinikärzte, dass die Frau tatsächlich anonym entbunden hatte, führte zur Einstellung der polizeilichen Untersuchungen.

In ganz Österreich kam es seit Legalisierung der „anonymen Geburt”, genauso wie davor, zu wenigen sporadischen Fällen von Kindestötung. Wenn man die Tiroler Fälle von Kindestötung mit den Fällen der anonymen Geburt vergleicht, muss man nach Ansicht der Studienautoren zu folgendem Ergebnis kommen: Frauen, die anonym gebären, hätten ihr Kind ohne die Möglichkeit der anonymen Geburt wahrscheinlich nicht umgebracht, sondern wollen sich möglicherweise lediglich dem Zugriff der als belastend empfundenen Fürsorge entziehen.

MEDICA.de; Quelle: Z Geburtshilfe Neonatol 2005, Vol. 209, S. 192-198