Digitale Gesundheit international: Andere Länder, andere Sitten

17/11/2016

In den westlichen Industriestaaten ist die Digitalisierung des Gesundheitssektors nicht mehr aufzuhalten. Doch in einigen Staaten geht sie schneller voran als in anderen. Auf dem MEDICA ECON FORUM by TK wird in der Session "Digitale Gesundheit im internationalen Vergleich" der Frage nachgegangen, was die Möglichkeiten und Herausforderungen der Digitalisierung sind und was man von den Vorreitern lernen kann. Den Impuls dafür gibt Prof. Britta Böckmann, Fachhochschule Dortmund, Lehrgebiet Medizinische Informatik.

"Digitale Gesundheit" ist ein weit gefasster Begriff: elektronische Patientenakte, Telemedizin, medizinische Apps – viele Bereiche fallen darunter. Gemeinsam ist ihnen, dass sie in digitaler Form ortsunabhängig die Versorgung des Patienten unterstützen. "Inzwischen verwende ich den Begriff xHealth statt eHealth", sagt Prof. Böckmann. "Das 'x' steht in diesem Fall für 'eXchange', das heißt für interoperable Anwendungen."

Bild: Britta Böckmann bei ihrem Vortrag im MEDICA ECON FORUM; Copyright: beta-web/Dindas

Prof. Britta Böckmann gibt den Impuls zur Session "Digitale Gesundheit im internationalen Vergleich"; © beta-web/Dindas

Noch ein weiter Weg: Deutschland

Vergleicht man die einzelnen Staaten miteinander, insbesondere die westlichen Industrienationen, so ergibt sich ein sehr heterogenes Bild. Zum Teil ist die Digitalisierung bereits in vielen Bereichen weit fortgeschritten und wird flächendeckend eingesetzt. In anderen Staaten dagegen gibt es nur vereinzelte Projekte, die nicht miteinander verknüpft sind.

Vor allem Deutschland kommt in der Digitalisierung des Medizinsektors nur langsam voran. "In Deutschland gibt es keine nationale ehealth-Strategie. Es gibt zwar sehr viele geförderte Pilotprojekte und regionale Initiativen, aber diese sind in der regulären Gesundheitsversorgung noch nicht angekommen und somit bleibt die Digitalisierung ein Flickenteppich. Ob beispielsweise ein Patient mit Herzinsuffizienz bei einem telemedizinischen Programm mitmachen kann bzw. überhaupt davon erfährt, bleibt so dem Zufall überlassen, wo er wohnt, zu welchem Arzt er geht und wo er versichert ist", beschreibt Böckmann die Situation.

Der Grund für die unterschiedliche Geschwindigkeit der einzelnen Staaten liegt in erster Linie in den heterogenen Gesundheitssystemen. Aber auch die Motivation spielt eine Rolle, erklärt Böckmann: "In Österreich gibt es beispielweise, wie auch in Deutschland, ein föderales System. Trotzdem geht es dort in der Digitalisierung vorwärts – stark getrieben vom Gesundheitsministerium mit einer klaren Strategie und Konsequenz über verschiedene Minister hinweg."

Lernen von den anderen: Estland, Österreich, USA

"Aus deutscher Sicht kann man gut von Österreich lernen, wie eine nationale Strategie zur Umsetzung eines digitalen Gesundheitswesens funktionieren kann", erklärt Böckmann. So sei Österreich vor zehn Jahren auf einem ähnlichen Stand gewesen wie Deutschland heute. Es gab viele vereinzelte Anwendungen, aber keine nationale Strategie. Schließlich wurde jedoch eben solch eine Strategie entwickelt und konsequent umgesetzt. "In Österreich wird nun die elektronische Gesundheitsakte ELGA für jeden Bürger eingeführt, der nicht austritt. Dabei müssen überall dort, wo es einen Datenaustausch gibt, festgelegte internationale Standards wie IHE [Integrating the Healthcare Enterprise], verwendet werden", erklärt Böckmann.

Auch Estland gehört zu den Vorreitern der Digitalisierung. Von der öffentlichen Verwaltung bis zum Gesundheitswesen ist bereits alles digitalisiert – oder wird es in naher Zukunft. In den USA ist die Digitalisierung Teil der Strategie Obamas und läuft unter dem Programm 'Meaningful use'. Damit werden Anreize zur Digitalisierung geschaffen. "Andere Beispiele für Länder, die sehr aktiv verschiedene Bereiche der Digitalisierung umsetzen, sind z.B. die skandinavischen Länder oder auch Singapur", resümiert Böckmann. Ein Land, das in allen Anwendungsbereichen führend ist, gibt es jedoch nicht, so dass jeder Staat etwas dazulernen kann.

Terminhinweis

In der Session "Digitale Gesundheit im internationalen Vergleich" wird Prof. Böckmann mit weiteren Vertretern aus der Wissenschaftlern zum Thema diskutieren.

Donnerstag, 17. November, MEDICA ECON FORUM (Halle 15, G05), 15.00 bis 16.15 Uhr

Der Artikel wurde verfasst von Olga Wart.
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